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Leitzins bei Null
Bankkunden drohen höhere Gebühren

Hintergrund: Der Werkzeugkasten der EZB
Hintergrund: Der Werkzeugkasten der EZB
Düsseldorf. Zum ersten Mal liegt der Leitzins bei Null. Zudem verlangt die EZB von Banken höhere Strafzinsen. Das bringt die Geldhäuser in Zugzwang. Diese werden wohl versuchen, die Belastungen an ihre Kunden weiterzugeben. Von Georg Winters

Mit einem historischen Schritt versucht die Europäische Zentralbank (EZB), die Konjunktur in Europa in Fahrt zu bringen und höhere Preise herbeizuführen. Zum ersten Mal sinkt der Leitzins in der Euro-Zone auf null. Zudem kauft die Notenbank ab sofort nicht nur für 60 Milliarden, sondern für 80 Milliarden Euro monatlich Staats- und Firmenanleihen und will so noch mehr Mittel für Darlehen zur Verfügung stellen. Und: Geschäftsbanken, die Geld bei der Notenbank parken, anstatt Kredite an Unternehmen und Verbraucher zu vergeben, müssen dafür künftig einen höheren Strafzins zahlen. Dieser negative Einlagenzins erhöht sich von 0,3 auf 0,4 Prozent.

Banken geben Kosten wohl an Kunden weiter

Damit steigt die Gefahr, dass die Banken versuchen werden, einen Teil dieser höheren Kosten an die Kunden weiterzugeben. Zwar schließen bislang die meisten Institute Negativzinsen auf Sparkonten aus, aber dafür rechnen Experten mit anderen Belastungen: "Banken sind findig. Sie werden sich wohl nicht trauen, Strafzinsen einzuführen, aber dafür werden vermutlich die Gebühren steigen", sagte Holger Sandte, Chefvolkswirt der Nordea Bank. Die deutschen Volksbanken überlegen ebenfalls, wie sie bei steigenden Kosten gegensteuern können. "Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten", sagt Verbandspräsident Uwe Fröhlich. Er räumt allerdings ein, dass einzelne Institute gezwungen sein könnten, an der Gebührenschraube zu drehen.

Bei der Stadtsparkasse Düsseldorf hieß es, derzeit seien keine Negativzinsen geplant, aber man könne Maßnahmen auch nicht ausschließen. Beim Bankhaus Lampe hieß es wie bei anderen Instituten, Firmenkunden und institutionelle Kunden, "die in der Regel große Millionenbeträge als Einlagen bei uns haben, berechnen wir nach vorheriger Vereinbarung eine sogenannte Geldaufbewahrungsgebühr. Dieses Vorgehen werden wir auch nach weiteren Negativ-Zinsentscheidungen beibehalten." Ein Sprecher der Deutschen Bank teilte mit, für das Privatkundengeschäft seien im Bereich Spareinlagen weiterhin keine Negativzinsen geplant.

"Frontalangriff auf Sparer"

Der Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke erklärte dagegen, Negativzinsen für Privatkunden seien "sicher ein Szenario, das in einigen Banken durchgespielt wird". Die Zinspolitik der EZB nannte der Geldspezialist Gerke "einen Frontalangriff auf die Sparer".

Die Finanzbranche übte scharfe Kritik an der Geldpolitik der Notenbank. "Es ist vollkommen unnötig, dass die EZB den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken", erklärte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des privaten Bankenverbandes BdB. Aktuell präge vor allem der immer noch niedrige Ölpreis die Teuerungsrate. Der sei aber in den vergangenen vier Wochen wieder um 40 Prozent gestiegen. Auch Nordea-Volkswirt Sandte hält das Festhalten der EZB an einem Inflationsziel von zwei Prozent für übertrieben: "Rechnet man den Ölpreis-Effekt raus, liegt die Inflation bei einem Prozent. Eigentlich müsste die EZB bei ihrem Inflationsziel umdenken."

Die Notenbanker blieben hart

Doch die Notenbanker bleiben hart. "Der Rat erwartet, dass die Leitzinsen für längere Zeit auf dem jetzigen oder einem noch niedrigeren Niveau liegen werden", erklärte EZB-Präident Mario Draghi in Frankfurt. Er und einige Kollegen im Rat der Zentralbank wollen vor allem die Gefahr einer Deflation bekämpfen, bei der niedrige Preise noch geringeren Konsum, ein Nachlassen von Produktion und Investitionen und damit schwächeres Wachstum und höhere Arbeitslosigkeit zur Folge haben könnten. Nach Einschätzung der EZB werden die Verbraucherpreise in diesem Jahr nur um durchschnittlich 0,1 Prozent steigen. Diese Prognose liegt deutlich unter der Schätzung aus dem Dezember, als die EZB-Experten noch eine Rate von einem Prozent erwartet hatten. Für 2017 senkte die Zentralbank ihre Voraussage von 1,6 auf 1,3 Prozent gesenkt, für 2018 rerwartet sie 1,6 Prozent Inflation.

Bisher sind die geldpolitischen Maßnahmen aus Frankfurt allerdings weitgehend verpufft. Gleichzeitig fürchten Beobachter negative Folgen an anderen Märkten. Der Dax fiel am Donnerstag zwar nach einem Zwischenhoch bei knapp 10.000 Punkten am Ende um 2,3 Prozent. Eine Spekulationsblase ist trotzdem nicht ausgeschlossen. Es wird nämlich befürchtet, dass die Nullzinspolitik auf längere Sicht Preisblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten auslösen könnte, ähnlich wie in den USA im Vorfeld der internationalen Finanzkrise vor knapp zehn Jahren. Der Euro fiel gestern als Folge der Entscheidung vorübergehend auf weniger als 1,09 Dollar.

Quelle: RP
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