Finanzkrise: So leiden die Börsianer
VON SVEN DURGUNLAR - zuletzt aktualisiert: 17.10.2008 - 14:54(RP). Die massiven Kursschwankungen an den internationalen Finanzmärkten fordern den Aktienhändlern an der Düsseldorfer Börse Nerven wie Drahtseile ab. Denn die Zahl der Aufträge ist teilweise um das Zehnfache gestiegen. Die Mittagspause fällt aus, auch im Urlaub wird gearbeitet.
Düsseldorf. Die Spannung ist fast körperlich spürbar. Auf den Flach-Bildschirmen reihen sich Zahlen-Kolonnen aneinander, Telefone klingeln, im Raum herrscht Stimmengewirr. Ein normaler Arbeitstag eines Aktienhändlers – könnte man meinen. Doch für die Händler an der Düsseldorfer Börse ist momentan kein Tag gewöhnlich.
„So etwas habe ich in meinem Berufsleben noch nicht erlebt“, sagt Aktienhändler Bernd Reeker. Von acht bis 22.30 Uhr ist er täglich in seinem Büro in der Düsseldorfer Innenstadt. Zeit, die der Händler gern in seinen Job investiert. Wichtig sei für ihn nur, dass er weiterarbeiten könne, so Reeker. Schließlich seien in den vergangenen Wochen auf den internationalen Finanzmärkten unvorstellbar große Geldsummen vernichtet worden. Er und seine Kollegen kaufen und verkaufen für Kunden Aktien – und verdienen dabei mit.
Das Problem: Die Kursschwankungen der Aktien sind momentan so groß, dass Käufe und Verkäufe immer riskanter werden. 30 Prozent betrage momentan die gewöhnliche Kursschwankung der VW-Aktie innerhalb eines Tages, so Reeker. Wer nicht im richtigen Moment verkaufe, müsse mit größeren Verlusten rechnen. „Was wir heute erleben, hätten wir uns vor einem halben Jahr nicht träumen lassen“, sagt Reeker mit einem Seitenblick auf die Monitorreihe vor ihm. Neue Zahlen trudeln ein, gleichzeitig klingeln mehrere Telefone.
Sein Kollege Peter Gierscher, der ihm gegenüber sitzt und Zahlenreihen auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig analysiert, nickt. Ihn erwischte die Finanzkrise mitten im USA-Urlaub. Ein Ereignis, das keinen Aufschub duldete: Tagsüber versuchte er, Zeit mit seiner Familie am Strand zu verbringen, nachts arbeitete er am Computer.
Auch für ihn hat sich der Arbeitsalltag in den vergangenen Wochen radikal geändert. „Das System folgt keinen rationalen Regeln mehr“, sagt Peter Gierscher. Die Folgen erleben er und seine Kollegen täglich: Die Zahl der Aufträge steigt, der Erfolgsdruck nimmt zu, die Kunden werden nervöser.
Die Folge ist ein noch stressigerer Arbeitstag für die Broker, die ständig mit großen Summer jonglieren müssen – und immer mehr riskieren, um die Verluste der letzten Wochen wieder auszugleichen. „Die Kursausschläge, die wir früher in einem Monat hatten, vollziehen sich jetzt innerhalb weniger Stunden“, sagt Gierscher und deutet auf einen der zahlreichen Bildschirme. Der Dax steht laut Anzeige bei 4926 Punkten. Gestartet war er am Morgen noch bei 4551 Punkten. „Wie soll man mit so großen Schwankungen arbeiten?“, fragt Gierscher.
Längst sind die Zeiten vorbei, als sich Händler beim Parketthandel an der Düsseldorfer Börse mit Handzeichen zu verstehen gaben, wenn sie mit den Verkaufspreisen einverstanden waren. 1998 wurde der Präsenzhandel in Düsseldorf eingestellt. Heute werden mehr als 95 Prozent des deutschen Aktienhandels über das elektronische Handelssystem Xetra abgewickelt. Nur noch drei Firmen haben ihre Büros am Börsenplatz in der Düsseldorfer Innenstadt. Doch die Spannung der Händler bei jedem Verkauf bleibt.
Die Anfragen seien in den vergangenen Tagen um das Zehnfache gestiegen, erläutert Händler Niklas Breckling. Doch das Problem sei nicht nur die zusätzliche Arbeitsmenge. „Man muss sich auch daran gewöhnen, trotz großer Verluste zu verkaufen“, sagt Breckling und nimmt einen Schluck aus dem Kaffeebecher.
Heute fiel die Mittagspause aus: Anstatt gemeinsam zum Italiener zu gehen, brachte eine Händlerin Snacks für die Kollegen mit. Der Stress sei zwar allen anzumerken, aber ansehen lassen wollen sich das die Kollegen nicht. „Wir versuchen, den Stress zu kaschieren“, sagt Breckling. Dafür gebe es ein erprobtes Mittel, das bisher an der Düsseldorfer Börse noch immer geholfen habe: Witze erzählen.
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