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Von den Fuggern bis zu Zuckerberg
Stiften gehen

Düsseldorf. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg will Milliarden in eine Stiftung einbringen. Er folgt damit anderen Superreichen. Längst suchen die Stifter handfeste Vorteile. Es gab jedoch mal eine Zeit, da ging es um Leben und Tod. Von Florian Rinke

Je weiter sich sein Netzwerk weltweit ausbreitete, umso größer wurden sein Reichtum, sein Einfluss. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr - und so beschloss er, der Welt etwas zurückzugeben und Gutes zu tun.

Knapp 500 Jahre ist es her, dass der Kaufmann Jakob Fugger zum Stifter wurde und in seiner Heimatstadt Augsburg eine Armensiedlung errichten ließ. Und da Stiftungen für die Ewigkeit sind, kann man bis heute in der Fuggerei wohnen, für 88 Cent Kaltmiete pro Jahr und drei tägliche Gebete für die Familie Fugger - um den Seelenfrieden des superreichen Kaufmannsgeschlechts zu sichern, dessen Handel sich über ganz Europa erstreckte.

Der Aufstieg von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verlief ähnlich rasant. Frei von materieller Not, will der 31-Jährige nun 99 Prozent seiner Anteile an dem sozialen Netzwerk, die aktuell rund 45 Milliarden Euro wert sind, in eine Stiftung überführen, um damit Sinn zu stiften. Die Chan-Zuckerberg-Initiative soll Menschen vernetzen, Krankheiten bekämpfen und personalisiertes Lernen ermöglichen. Die einen feiern Zuckerberg seither als einen der größten Wohltäter, die anderen fürchten um wertvolle Steuergelder, die dem Staat durch das Modell stiften gehen.

Die Ambivalenz hängt nicht nur mit dem umstrittenen Facebook-Gründer zusammen - sie geht bis zum Stiftungsbegriff zurück. Denn Stiftungen, die bei ihrem Entstehen im Mittelalter vor allem karitativen Zwecken dienten und den institutionalisierten Ablasshandel - Geld gegen Seelenheil - um eine Variante ergänzten, sind kaum noch genau zu definieren. Allein in Deutschland konkurrieren mehrere Modelle miteinander. Und auch wenn hier 95 Prozent der Stiftungen gemeinnützig sind - das Modell Stiftung hat längst einen Teil seines guten Rufs eingebüßt.

Stiftungen haben ihren guten Ruf verloren

In die Schlagzeilen geriet so beispielsweise Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel, der vor seiner Verurteilung 2009 mittels einer Stiftung im Fürstentum Liechtenstein den deutschen Fiskus betrog. Auch der Möbelriese Ikea nutzt das Stiftungsrecht, um seine Steuerausgaben - freundlich gesagt - zu optimieren. Eigentümer des Ikea-Konzerns ist daher längst nicht mehr Gründer Ingvar Kamprad, sondern die "Stichting Ingka Foundation" in den Niederlanden.

Zuckerberg könnte mit seinem Stiftungsmodell nach Berechnungen von Experten 333 Millionen Dollar sparen - pro Jahr. Er selbst betonte, nachdem sein erster Beitrag bei Facebook Diskussionen ausgelöst hatte, in einem Schreiben, dass die Steuerersparnis keine Triebfeder gewesen sei. Vielmehr habe er die Rechtsform Limited Liability Company gewählt, um mehr Handlungsspielraum zu haben: "Sie ermöglicht uns, unsere Mission voranzutreiben, indem wir gemeinnützige Organisationen unterstützen, privatwirtschaftliche Investitionen tätigen und an politischen Debatten teilnehmen." Gemeinnützige Stiftungen dürfen in den USA hingegen weder nach Gewinnen streben noch Lobbying betreiben.

Große Gönner hat es in den USA schon immer gegeben; die weltgrößte Stiftung hatte Microsoft-Gründer Bill Gates ins Leben gerufen. Jüngst haben immer mehr Milliardäre angekündigt, ihr Vermögen für den guten Zweck zu stiften. Das hat zum einen mit der deutlich stärkeren Spendenbereitschaft der Amerikaner zu tun - anders als viele Europäer erwarten und erfahren sie viel weniger Unterstützung vom Staat -, zum anderen mit deutlich höheren Erbschaftsteuern. Im "World Giving Index" liegen die USA folgerichtig auf Platz zwei, Deutschland auf Platz 20.

Und natürlich schadet eine Stiftung auch nie, um den eigenen Ruf aufzubessern. Das wussten Stahlmagnat Andrew Carnegie und Öl-Tycoon John D. Rockefeller bereits im 19. Jahrhundert. Ihre Unternehmen waren wegen Mitarbeiterausbeutung oder Monopolstellung in der Kritik, als sie anfingen, karitativ zu wirken. Carnegie prägte dabei sogar den Satz: "Wer reicht stirbt, stirbt in Schande." Das klingt schon sehr nach Ablasshandel.

In Europa ist Deutschland Stiftungs-Hochburg

Auch wenn Deutschland im Vergleich mit den USA nicht mithalten kann: Innerhalb Europas ist die Bundesrepublik mit rund 21.000 Stiftungen die absolute Hochburg. Bekannte Vertreter wie die Bertelsmann-Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung oder die Studienstiftung des deutschen Volkes können inzwischen auf einige Jahre zurückblicken; ein Großteil der Stiftungen ist aber erst nach der Jahrtausendwende entstanden - und öffentlich oft gänzlich unbekannt.

Denn Stiftungen sind ein beliebtes Mittel, um langfristig die Kontrolle über ein Unternehmen auszuüben - denn wie sich die Stiftung zu verhalten hat, kann bei ihrer Gründung genau festgelegt werden. So würde Mark Zuckerbergs Stiftung am Ende die Mehrheit an Facebook gehören, wodurch der Einfluss der Familie gesichert bliebe. Neu ist dieser Schachzug nicht. "Robert Bosch hat schon vor Jahrzehnten sein Industrieunternehmen in eine Stiftung eingebracht", heißt es beim Bundesverband Deutscher Stiftungen (BDS). 1964 wurden die Geschäftsanteile aus dem Nachlass in die Stiftung übertragen. Seitdem fördert sie unter anderem Bildung, Kultur und Wissenschaft, während gleichzeitig das Erbe des Erfinders Bosch in seinem Sinne erhalten bleibt. Längst haben auch Unternehmer wie der Gründer der Drogeriemarktkette DM, Götz Werner, ihre Firmenanteile in eine Stiftung eingebracht.

In Deutschland, davon geht man beim BDS aus, wird die Zahl der Stiftungen daher weiter steigen. Einerseits gebe es immer mehr Unternehmer, die keinen Erben für ihre Firma haben und so ihr Vermächtnis sichern wollen. Andererseits gibt es immer mehr Bereiche, in denen Stiftungen helfen, Teile des Gemeinwesens zu erhalten - so wie in Radevormwald, wo die Stelle des Pfarrers zum Großteil inzwischen von einer Stiftung getragen wird.

Kann es ein besseres Investment zur Sicherung des Seelenheils geben?

Quelle: RP
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