Globale Kurseinbrüche: Was treibt die Börsen in die Panik?
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 05.08.2011 - 10:33Düsseldorf (RPO). Das Gespenst der Angst ist zurück an den Börsen: Nach einer Serie von Verlusten sind inzwischen alle Dämme gebrochen, die weltweiten Aktienkurse brechen ein. Fünf Gründe für den Börsen-Crash.
Politische Krisen
Nicht zuletzt die politische Uneinigkeit in den USA versetzte die Märkte in Unsicherheit. In den USA blockierten radikale Republikaner der Tea-Party-Bwegung wochenlang eine Einigung in der US-Schuldenkrise. Vor allem mit Blick auf den kommenden Präsidentschaftswahlkampf glaubten vor allem die oppositionellen Republikaner, von einer Staatskrise profitieren zu können – mit fatalen Folgen für die ganze Welt. Der politische Streit verunsicherte die globalen Märkte. Denn noch immer hängt die Weltkonjunktur am Tropf der USA. Damit hielten die Akteure der amerikanischen Poltitik aus wahltaktischen Gründen die gesamte Weltwirtschaft in Geiselhaft.
Aber auch Europa macht in der Krise politisch keine gute Figur. Vor allem Deutschland agierte bei der Euro-Rettung unwillig, um dann am Ende doch immer wieder neue Hilfen zu genehmigen. Dadurch gerieten die Länder der südlichen Euro-Peripherie an den Märkten unter größeren Druck als es unbedingt nötig gewesen wäre. Es besteht der Verdacht, dass sich Kanzlerin Angela Merkel vor allem aus innenpolitischen Gründen bei der Euro-Rettung so zögerlich und zuweilen öffentlich unwillig zeigte – die Mehrheit der Deutschen ist laut Umfragen gegen die Unterstützung Griechenlands. Das so gesetzte Signal kam aber nicht nur bei den Wählern, sondern auch bei Spekulanten an, die auf Euro-Wertverfall und den Ausfall von Staatsanleihen wetteten.
Ende des billigen Geldes in Europa
In der globalen Finanzkrise haben alle Notenbanken die Konjunktur kräftig angeschoben, indem sie die Zinsen immer weiter gesenkt und in die Anleihenmärkte eingegriffen haben. Nachdem in den USA der Zinssatz auf der Null-Linie angekommen war, begann die US-Notenbank Fed mit einer Ausweitung der Geldmenge über das sogenannte quantitative easing. Dabei kaufe die Fed die Schulden des eigenen Staates mit neu geschaffenem Geld und sorgte so für eine Ausweitung der Geldmenge.
Eine solche Politik treibt die Aktienkurse allein schon deshalb, weil sich Anleger vor einer drohenden Entwertung ihres Geldes schützen wollen. Je niedriger die Zinsen sind, desto günstiger können sich Unternehmen außerdem finanzieren, was die Gewinne nach oben treibt. Doch die Zeiten der Niedrigszinspolitik sind zumindest in Europa schon wieder vorbei. Die Europäische Zentralbank befindet sich im Rückwärtsgang - die sogannte Exit-Strategie - ist eingeläutet. Am Donnerstag betonte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, eine erneute Zinssenkung in der Euro-Zone werde es trotz der Konjunktursorgen nicht geben. Allerdings kündigte er entgegen früherer Pläne den Kauf neuer Staatsanleihen an.
Auch Amerika muss sparen
Angesichts der US-Schuldenkrise haben sich Demokraten und Republikaner auf ein umfangreiches Sparpaket geeinigt. Was sich langfristig positiv auf den den Staatshaushalt auswirken soll, ist kurzfristig pures Gift für die Weltkonjunktur: Die USA sind immer noch der Konsummotor der Welt – Konsumausgaben machen zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung aus. Verlangsamt sich das US-Wachstum aufgrund der staatlichen Sparmaßnahmen oder droht gar eine Rezession, leidet die gesamte Weltwirtschaft. Mit den Sparanstrengungen bleiben vor allem die staatlichen Investitionen zur Stützung der Konjunktur aus.
Ökonomen kritisieren Schulden-Kompromiss in den USA
Zudem kritisierten zahlreiche Ökonomen den Kompromiss im US-Schuldenstreit. Der Kompromiss werde der US-Wirtschaft „beträchtlichen Schaden zufügen“, sagte beispielsweise der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, dem "Handelsblatt Online".
Auch der eher linksgerichtete Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman kritisierte die Einigung in der "New York Times". Präsident Barack Obama habe vor den Republikanern kapituliert. "Der Deal ist ein Desaster, nicht nur für Präsident Obama und seine Partei", so der Princeton-Ökonom. "Er wird die ohnehin schon lahmende Ökonomie weiter schädigen", prophezeite der Wirtschaftsnobelpreisträger schon vor dem Börsencrash vom Donnerstag. Die Politik habe inmitten der Krise der Wirtschaft die fatalste aller Möglichkeiten gewählt: die staatlichen Ausgaben gekürzt. Der dadurch bedingte weitere Einbruch der Wirtschaft sorge langfristig für noch mehr Schulden, weil die Steuereinnahmen sinken würden.
Der wohl wichtigste Grund für den Einbruch: Eine Reihe von Konjunkturindikatoren deuteten zuletzt auf eine deutliche Abschwächung der US-Wirtschaft hin. Zwar fiel der jüngste Arbeitsmarktbericht etwas besser als von den Analysten erwartet – doch die Auftragslage der US-Industrie hat sich deutlich verschlechtert. Während der Arbeitsmarkt als sogenannter Spätindikator gilt, der der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung nachläuft, sind Auftragseingänge ein sogenannter Frühindikator, der die wirtschaftliche Entwicklung leicht vorweg nimmt.
Ebenfalls negative Signale gab es zuletzt von den US-Verbrauchern. Die Angst vor einem Jobverlust und zuletzt stagnierende Einkommen drosselte ihre Ausgaben. Erstmals seit zwei Jahren sanken zuletzt die Konsumausgaben in der größten Volkswirtschaft der Erde. Insgesamt gehen jüngste Berechnungen nur noch von einem US-Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent in diesem Jahr aus – deutlich weniger als zunächst erwartet. Viele Analysten waren davon ausgegangen, dass sich nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima die weltweite Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder stärker erholt.
Allerdings leidet auch Japan weiter – vor allem unter dem starken Yen, der wie der Schweizer Franken als sicherer Hafen gilt und die Exporte des Landes verteuert. Die nun ausgelöste Börsenpanik könnte eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die die USA sogar in eine Rezession zurückwerfen – also eine schrumpfende statt wachsende Wirtschaft. Das wäre der berüchtigte „Double Dip“ nach der Rezession im Jahr 2009 – ein zweimaliger Einbruch der Wirtschaftsleistung.
Auch deutsche Exporteure trifft eine schwache US-Wirtschaft in den USA. "Wenn es zu einer Rezession in den USA kommt, dann würde uns das empfindlich treffen", sagte der Chef des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, dem "Handelsblatt" vom Freitag. Die Unternehmen merkten schon jetzt, dass sich die Nachfrage abschwäche.
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