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Analyse zum Weltspartag
Gutes Sparen, schlechtes Sparen

Weltspartag 2016: Gutes Sparen, schlechtes Sparen
Den Weltspartag gibt es seit dem Jahr 1924. FOTO: dpa
Düsseldorf. An diesem Freitag ist Weltspartag - und beim Sparen sind die Deutschen selbst in Zeiten von Minizinsen vorn. Wenn der Einzelne spart, gilt er als tugendhaft. Spart eine Volkswirtschaft, gilt sie als rücksichtslos. Von Antje Höning und Martin Kessler

Die Deutschen gelten als Meister im Sparen. Heute, am Weltspartag, sind viele besonders aktiv: Kinder bringen ihre Porzellanschweine zur Sparkasse, Erwachsene ihre Cent-Sammlungen zur Bank. Es gibt zwar nur noch lächerlich niedrige Zinsen, und für die Einzahlung von Münzgeld verlangen viele Institute happige Gebühren. Doch die Deutschen lassen sich das Sparen nicht verderben.

Aktuell legen die Privathaushalte 9,7 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante. Von 100 Euro, die ein Haushalt netto hat, spart er also 9,70 Euro. Das ist viel: Die Amerikaner haben nur eine Sparquote von fünf Prozent, Spanier von vier. Die Italiener, die früher mal so eifrig waren wie die Deutschen, legen seit der Euro-Krise nur noch drei Prozent zur Seite. Doch es geht auch ganz anders: Die Schweizer sparen 19,3 Prozent.

Wer spart, verzichtet heute auf Konsum und vergrößert die Konsummöglichkeiten in der Zukunft. "Sparen hat eine moralische Komponente", sagt der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Wer spare, mäßige sich. Er schaffe es, seine Bedürfnisse nicht unmittelbar zu befriedigen. Wie schwer das ist, zeigt der "Marshmallow-Test", den der Neuropsychologe Walter Mischel in den 60er Jahren entwickelte: Er setzte vierjährige Kinder vor einen Marshmallow und ließ ihnen die Wahl: Sie können ihn essen; wenn sie ihn dagegen 15 Minuten liegen lassen, erhalten sie als Belohnung für ihre Beherrschung einen zweiten Mäusespeck. Das Ergebnis war vielfältig wie das Sparverhalten von Nationen: Die einen aßen den Marshmallow sofort auf, andere hielten durch und genossen später die doppelte Portion.

USA und Italien auf einem Level

Für das Individuum ist Sparen vernünftig. Doch wie sieht es für Länder aus? Ein erster Blick auf die volkswirtschaftlichen Sparquoten, die die Ersparnisse von Haushalten, Unternehmen und Staat ins Verhältnis zum Sozialprodukt setzt, gibt keine eindeutige Antwort. So haben die boomende USA ebenso eine Sparquote von 18 Prozent wie das notleidende Italien. Ganz vorn sind dagegen die Schweiz (31 Prozent) und Deutschland (27 Prozent).

Über die Frage, wie viel Sparen gut ist, streiten Ökonomen seit 250 Jahren. Die klassischen (Adam Smith) und neoklassischen sagen: Sparen ist gut. Je mehr ein Land auf Konsum verzichtet, desto mehr kann es in Fabriken und Maschinen investieren und die Basis für Wohlstand legen. Danach bestimmt die Ersparnis die Höhe der Investitionen und des künftigen Volkseinkommens.

Alles falsch und genau andersherum, sagt dagegen der Ökonom John Maynard Keynes. Die Botschaft der Keynesianer: Sparen ist gut für den Einzelnen, aber für die Volkswirtschaft schlecht. Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise 1929 hatte Keynes seine Theorie entwickelt. Damals hatte Kanzler Heinrich Brüning trotz Krise an seinem rigiden Sparkurs festgehalten und das Deutsche Reich noch tiefer in die Depression gestürzt. Keynes folgerte: Ein Staat darf in der Krise gerade nicht sparen, sondern muss extra viel ausgeben. Wenn die Nachfrage von Firmen und Haushalten einbricht, muss der Staat einspringen und darf sich dafür auch verschulden. Im nächsten Boom, so die Theorie, kann er die Schulden wieder abbauen.

Wer hat recht? Wie so oft in der Ökonomie, kommt es auf die Umstände an. In der Weltwirtschaftskrise 2008 war es richtig, dass die Notenbanken die Geldhähne aufgedreht und die Staaten ihre Ausgaben hochgefahren haben, um den Wegfall der Investitionsgüternachfrage auszugleichen. Man hat aus den Fehlern von 1929 gelernt.

In normalen Zeiten aber ist staatliche Intervention unnötig. Dann sind die Aufgaben klar verteilt: Die Haushalte sparen, die Unternehmen investieren und nehmen dafür Schulden auf - bei den Banken, die die Spargroschen der Bürger eingesammelt haben, oder direkt bei Bürgern, indem sie Aktien ausgeben oder ihnen Anleihen verkaufen. So wie in Westdeutschland in den 50er und 60er Jahren. Den Betrag, den die Haushalte sparten, nahmen in etwa die Unternehmen auch an Krediten auf. Der Staatshaushalt war ausgeglichen.

Sparen ist keine Sünde

Ganz anders ist die Lage heute: Nicht nur die deutschen Haushalte sparen, sondern auch Unternehmen und der Staat. Die Folge ist ein massiver Kapitaltransfer ins Ausland. Er macht heute laut Bundesbank fast neun Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Im Gegenzug verschulden sich andere Länder und kaufen damit deutsche Exportwaren.

Heiner Flassbeck, früherer Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, interpretiert die Zahlen so: "Deutschland spart zu viel und stört mit dem Kapitaltransfer ins Ausland das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht." Das sehe neben Beschäftigung, Preisniveaustabilität und Wachstum auch einen Ausgleich der Finanzbeziehungen mit dem Ausland vor. Wir sparen zu Lasten anderer Länder, meint Flassbeck und fordert: Der Staat müsse sich verschulden, um einen Teil der Ersparnisse zu absorbieren. Firmen sollten mehr investieren und die Löhne erhöhen, um die Binnennachfrage zu stärken. So argumentiert auch die EU-Kommission, die Deutschland regelmäßig an den Pranger stellt. Hier setzt ebenfalls die Europäische Zentralbank an, die mit Negativzinsen die Unternehmen zwingen will, zu investieren statt ihr Geld bei der Bank zu horten.

Doch das greift zu kurz. Deutschland ist keine Planwirtschaft. Der Staat kann die Firmen nicht zwingen, mehr zu investieren und weniger zu exportieren. Die Exportüberschüsse sind Ausdruck der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Ebenso wenig kann der Staat den Privaten das Sparen verbieten - und sollte es auch nicht tun. Um in einer schrumpfenden Gesellschaft der Altersarmut zu entgehen, ist private Vorsorge unerlässlich. Und um das außenwirtschaftliche Gleichgewicht herzustellen, müssen andere Länder ihre Wachstumsbedingungen verbessern. Sparen ist auch 2016 keine Sünde.

Quelle: RP
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