Stimmen zur Krise an den Finanzmärkten: Wie schlimm ist der Börsencrash wirklich?
zuletzt aktualisiert: 15.09.2008 - 18:34Paris (RPO). Das Bankenbeben in den USA hat die Aktienmärkte weltweit in Turbulenzen gestürzt. Angst vor der Depression geht um. Politiker sehen das Finanzsystem an einem Abgrund. Viele Experten zeigen sich unsicher. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz etwa vertraut in die Instrumente der Weltwirtschaft. Man müsse sie aber auch nutzen.
Tiefrote Zahlen an allen Aktienmärkten rund um die Welt: Die aktuellen Turbulenzen am amerikanischen Finanzplatz haben sich weltweit ausgebreitet. Tokio, Shanghai, Frankfurt und New York - überall trudelten die Kurse durch die Krise bei den US-Banken Lehman Brothers und Merrill Lynch in den Keller. Aber wie stark sind die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wirklich?
Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz:
Regierungen und Finanzinstitute können nach Einschätzung des US-Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz noch verhindern, dass die aktuellen Finanzturbulenzen das Ausmaß einer Weltwirtschaftskrise wie 1929 erreichen. "Es ist allgemeine Ansicht, dass wir jetzt die Instrumente haben und wissen, wie eine weitere große Depression zu verhindern ist", sagte Stiglitz am Montag der Nachrichtenagentur AFP. "Allerdings wird dieses Wissen nicht immer in Handlungen umgesetzt." Stiglitz verwies dabei auf die Krise um Indonesien 1998. Damals habe der Internationale Währungsfonds (IWF) gerade solche Maßnahmen ergriffen, die dann tatsächlich in eine Rezession geführt hätten.
US-Präsident George W. Bush:
US-Präsident George W. Bush hat sich zuversichtlich gezeigt, dass die amerikanische Wirtschaft die Finanzmarktkrise ohne langfristige Schäden überstehen wird. "Wir arbeiten daran, die Störungen zu mindern und die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf dem Finanzmarkt auf die breitere Wirtschaft zu minimieren", sagte Bush am Montag in Washington. Die Regierung werde sich "auf die Gesundheit des gesamten Finanzsystems" konzentrieren.
SPD-Fraktionschef Struck:
Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck hat sich gegen übertriebene Reaktionen auf die Finanzkrise in den USA gewandt. "Es gibt keinen Grund zur Panik in Deutschland", sagte Struck am Montag in Berlin. Es habe keinen Sinn, sich selbst in eine Rezession hineinzureden. Er sehe auch keine Notwendigkeit, dafür ein Konjunkturprogramm aufzulegen, sagte der SPD-Politiker. Es sei erforderlich, sich in Europa in der Finanzpolitik abzustimmen, auch im Hinblick auf die US-Krise.
Finanzminister Steinbrück:
In einer Analyse stellten Finanzministerium, Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) am Montag fest, dass sich das Engagement deutscher Kreditinstitute bei Lehman Brothers in einem "überschaubaren Rahmen" bewege und "verkraftbar" sei. Eine präzise Bezifferung der Risiken wollte Ministeriumssprecher Albig nicht vornehmen.
Es handele sich zunächst einmal um eine amerikanische Krise, betonte Albig und stellte fest, dass bislang nur wenig Auswirkungen auf die Realwirtschaft festzustellen waren. Um die nun drohenden Konsequenzen auf die weltweite Wirtschaftentwicklung und die hiesige Konjunktur präzise vorherzusagen, bräuchte es "hellseherische Fähigkeiten", meinte er
Weitere Stimmen aus Wirtschaft und Politik:
Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, sieht die deutsche Konjunktur durch die weltweite Finanzmarktkrise nicht gefährdet. Im Deutschlandradio Kultur plädierte Straubhaar am Montag für Gelassenheit bei der Beurteilung der Folgen der amerikanischen Bankenkrise und warnte vor "falscher Panik".
Die genauen Auswirkungen der US-Turbulenzen auf die deutschen Finanzmärkte sind nach Ansicht der Commerzbank noch nicht absehbar. Volkswirt Bernd Weidensteiner sagte der Nachrichtenagentur AP: "Es wird eine interessante Woche werden." Es stimme aber hoffnungsvoll, dass sich die Zentralbanken des Problems angenommen hätten.
Der Linke-Finanzexperte Ulrich Maurer erklärte: "Die Gesundbeterei des Finanzministers ist unverantwortlich. Das Finanzsystem steht am Abgrund und die Bundesregierung tut so, als ob Deutschland davon nicht betroffen sei." Angezeigt sei nun eine harte Regulierung der Finanzmärkte.
Der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, erklärte: "Wer dachte, es geht nicht mehr schlimmer, hat sich getäuscht. Die internationalen Finanzmärkten befinden sich im freien Fall." "Wir beobachten gerade, wie aus einer riesigen Blase schlagartig die Luft entweicht." Den Schaden begrenzen und übernehmen müsse aber nicht der Staat. Gefragt seien vielmehr diejenigen, die vorher mit den Produkten Gewinn gemacht haben, die zu den massiven Problemen geführt haben.
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