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Verdi-Chef Frank Bsirske
Letzte Runde für den Streiklustigen

Frank Bsirske als Verdi-Chef: Letzte Runde für den Streiklustigen
Verdi-Chef Frank Bsirske (63) ist Deutschlands dienstältester Gewerkschaftschef. Seit knapp 15 Jahren steht er an der Spitze. FOTO: dpa
Düsseldorf. An diesem Sonntag beginnt in Leipzig der vierte Verdi-Bundeskongress, bei dem sich der Vorsitzende Frank Bsirske erneut den Delegierten zur Wahl stellen wird. Die persönliche Bilanz des zweitmächtigsten Gewerkschaftschefs fällt gemischt aus. Von Maximilian Plück

An diesem Wochenende strömen Hunderte Gewerkschafter aus allen Teilen der Republik in Richtung Leipzig. Die Messehallen der sächsischen Metropole sind Austragungsort des nunmehr vierten Verdi-Bundeskongresses. Die Kanzlerin und zahlreiche ranghohe Politiker haben sich angekündigt. Es soll nicht weniger als eine Wieder-Krönungsmesse werden. Nämlich die von Verdi-Chef Frank Bsirske. Dieser wird am Dienstag zu seiner vierten und wohl auch letzten Amtszeit gewählt werden - an deren Ende wäre er dann stolze 67 Jahre alt.

Die Figur Frank Bsirske polarisiert. Arbeitgeber rollen schon mal mit den Augen, wenn sie den Namen des Gewerkschaftsbosses nur hören. Auch Vertreter anderer DGB-Organisationen - allen voran der Industriegewerkschaften - können mitunter genervt reagieren, wenn sie auf Verdi angesprochen werden. Versuchen IG Metall und IG BCE Konflikte in bester sozialpartnerschaftlicher Tradition - also vor allem am Verhandlungstisch - zu lösen, sind die Verantwortlichen bei Verdi schneller bereit, mit massiven Arbeitskämpfen Druck zu machen.

Diese Aggressivität spiegelt sich auch in den nackten Zahlen wider: Nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln führte die Organisation zwischen 2011 und 2014 insgesamt 642 Arbeitskämpfe. Seit 2006 gingen mehr als drei Viertel aller amtlich registrierten Ausfalltage auf das Konto der Bsirske-Gewerkschaft - allein in diesem Jahr summierten sich die streikbedingt nicht geleisteten Arbeit auf 1,5 Millionen Tage. Als Bsirske diese Zahl im Zuge des Tarifkonflikts im Sozial- und Erziehungsdienst mitteilte, da schwang so etwas wie Stolz in seiner Stimme mit. Bsirske versteht sich als Kämpfer.

Fotos: Warteschlangen am Flughafen Düsseldorf FOTO: dpa, mb vfd

Allerdings muss sich das Kämpfen auch lohnen. Und da hat es Verdi inzwischen äußerst schwer. "Mangelhaftes Erwartungsmanagement und fehlende Ausstiegsstrategien bei erfolglosen Endlosstreiks" - auf diese Formel bringt es IW-Tarifexperte Hagen Lesch.

Beispiele gefällig? Als die Post jüngst eine Billiggesellschaft für Paketzusteller gründete, rief Verdi deutschlandweit zu massiven Streiks auf, Pakete stapelten sich in den Zustellzentren. Doch das Management blieb hart, ließ sich nicht von der Gewerkschaft ins Geschäft hineinreden. Auch der Streik beim Versandhändler Amazon brachte bis auf einige hübsche Pressefotos bislang nichts. Viele Kunden spüren die Streikaktionen überhaupt nicht, entsprechend entspannt schaut sich das Management das Treiben der Gewerkschaft an.

Und dann wäre da noch der verfahrene Streit um den Sozial- und Erziehungsdienst. Dieser offenbart, wie wenig berechenbar die Verdi-Basis für die Führungsriege in Berlin sein kann. Nachdem die Gewerkschaft mit einer Sondertarifrunde die Erwartungen bei Erzieherinnen und Sozialarbeitern in utopische Höhen getrieben hatte, schaffte Bsirskes Verhandlungsteam nur einen äußerst dürftigen Verhandlungskompromiss - der fiel glatt bei der Basis durch. Der ungelöste Tarifkonflikt wird nach dem Bundeskongress weitergeführt, Bsirske drohte in einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" bereits mit neuen Kita-Streiks - "und zwar diesmal unberechenbarer als bisher".

Kitastreik: Demonstration vor dem Landtag FOTO: dpa, mjh sab

"Verdi greift sich verstärkt einzelne Berufsgruppen heraus, um für diese dann Sondererhöhungen durchzusetzen - etwa bei den Sozial- und Erziehungsberufen, den Fluggastkontrolleuren und den Schleusenwärtern", erklärt Tarifexperte Lesch. "Damit agiert sie wie eine Spartengewerkschaft. Und das wird wohl auch in Zukunft so weitergehen, obwohl durch das Tarifeinheitsgesetz der Druck abnehmen wird, sich wie eine Spartengewerkschaft aufzuführen."

Vor allem der Fall der Erzieher ist ein Beispiel dafür, was für ein schwer zu bändigendes, behäbiges Monsterkonstrukt Verdi ist. Vom Schauspieler über den Fluggastkontrolleur bis hin zur Kassiererin - Verdi vertritt sagenhafte 1000 Berufsgruppen untergliedert in 13 Fachbereiche. Multibranchen-Gewerkschaft heißt das im Fachjargon. Zusätzlich verkompliziert die Gewerkschafts-Struktur die Arbeit der Führung: Die elf Landesbezirke arbeiten in einigen Bereichen extrem autark. Keine einfache Ausgangslage für den Bundesvorstand. Keine einfache Aufgabe für Bsirske in den nächsten vier Jahren.

Quelle: RP
 
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