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Halle
Gerry Weber: 103 Filialen und 700 Jobs weg

Halle. Der Niedergang der Branche erfasst den Modekonzern. Patriarch Gerhard Weber fürchtet um sein Lebenswerk. Von Dagmar Haas-Pilwat

Die Modebranche steckt in der Krise. Immer mehr Kunden kaufen im Internet statt in Innenstädten, ohne Rabatte geht oft nichts mehr. Die Krise hat nun auch das frühere Vorzeigeunternehmen Gerry Weber erfasst. Die Ostwestfalen kündigten gestern einen harten Sparkurs an: Das Unternehmen will 103 seiner 1000 Filialen in diesem und nächstem Jahr schließen, was die Entlassung von 460 Mitarbeitern im In- und Ausland zur Folge hat. In der Zentrale in Halle werden 200 Stellen gestrichen, in den Auslandsgesellschaften weitere 50. Insgesamt fallen also gut 700 Stellen weg - damit muss jeder zehnte Mitarbeiter gehen. So will Gerry Weber 20 bis 25 Millionen Euro einsparen.

Mode-Patriarch Gerhard Weber (75) versucht, sich gegen den Zerfall des Mode-Reichs zu stemmen, das er aus dem Nichts aufgebaut hat. Weber war erst 23 und gerade Vater von Zwillingen geworden, als er in Versmold sein erstes Modegeschäft eröffnete. Und weil Gerhard Weber kein Risiko eingehen wollte, arbeitete er bis 1970 zudem als kaufmännischer Angestellter eines Bielefelder Textilunternehmens. Seine ersten Damenhosen verkaufte der Jungunternehmer noch aus der Garage - und hätte sich bei allem Ehrgeiz niemals träumen lassen, dass er später weltweite Bekanntheit erreichen würde. Und das schon 1986, als Weber auf der Düsseldorfer Modemesse Igedo einen Coup landete und Tennisspielerin Steffi Graf als Werbe-Ikone seiner Mode präsentierte. Zudem trägt das weltweit bekannte Haller Tennis-Rasenturnier den Namen des Hauptsponsors: Gerry Weber Open. 1989 erfolgte der Börsengang, aktuell wird die Aktie im S-Dax notiert.

Weber galt als Kirk Douglas aus Halle, stets war er von der schnellen Truppe. Schlank und durchtrainiert schritt der Mann mit den stahlblauen Augen im dunklen figurbetonten Anzug seiner italienischen Lieblingsmarke Etro, das weiße Hemd offen, das Einstecktuch bunt, dynamisch voran. Manch einer hatte Mühe, hinterherzukommen. Weber legte einen raschen Expansionskurs vor und bestimmte noch in einem Alter, in dem andere schon lange den Ruhestand genießen, die Geschicke seines Unternehmens. Womöglich war das einer der Fehler, die nun die Krise verstärken. Gerhard Weber trat erst vor anderthalb Jahren von der Spitze des Konzerns zurück und wechselte in den Aufsichtsrat. Seitdem versucht sein Sohn Ralf (51) als Vorstandsvorsitzender, das ins Trudeln geratene Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen.

Nun zieht der neue Chef die Reißleine. Doch trotz des harten Sparkurses rechnet er nicht mit rascher Rückkehr zu alter Stärke. Die Neuausrichtung werde 18 bis 24 Monate dauern. Erst danach sei wieder mit nachhaltigem Wachstum zu rechnen, erklärte das Unternehmen gestern. Die Sanierungskosten werden zunächst die Zahlen verderben. Für das laufende Geschäftsjahr rechnen die Ostwestfalen mit einem Gewinneinbruch auf zehn bis 20 Millionen Euro, nachdem das Ergebnis schon 2015 um mehr als ein Viertel auf 79 Millionen Euro abgestürzt ist. Der Umsatz könnte auf 890 Millionen Euro zurückgehen.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass Gerry Weber nicht allein ist. Weber hatte, wie auch die Hamburger Modekette Tom Tailor, wie Esprit und Hugo Boss lange den Ausbau der eigenen Geschäfte (Houses of Gerry Weber) massiv vorangetrieben, um unabhängiger von Großhandel und Franchise-Partnern zu sein. Dabei hat er sich offenbar verhoben. Kleidung gibt es heute per Klick. Allen setzen Online-Händler und Ketten wie H&M sowie die Inditex-Ableger Zara und Massimo Dutti zu, die zu viel günstigeren Preisen anbieten können. Zudem ist das Segment Coordinates-Kollektionen, auf das Gerry Weber vor allem setzt, in die Jahre gekommen wie seine Kundinnen. Webers härtestes Match hat begonnen.

Quelle: RP
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