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Griechenland-Krise
Was nun, Cicero?

Griechenland: Was nun, Cicero? Ein nicht ganz echtes Interview
FOTO: dpa/Reichwein (Montage)
Rom. Der römische Anwalt, Redner und Politiker fordert Solidarität mit der Kulturnation Griechenland, lehnt aber einen Schuldenschnitt ab. Ein nicht ganz echtes Gespräch. Von Frank Vollmer

Wer seine beste berufliche Zeit vor mehr als 2000 Jahren hatte, kann sich gegen Vereinnahmungen schlecht wehren. Marcus Tullius Cicero geht das nicht anders, dem Schriftsteller, Redner und Staatsmann, einem der mächtigsten Männer des alten Rom im 1. Jahrhundert vor Christus. Cicero werden immer wieder Sätze zugeschrieben, die maßgeschneidert für die Griechen-Krise scheinen. Zitat: "Der Staatshaushalt muss ausgeglichen sein. Die öffentlichen Schulden müssen verringert werden. Die Zahlungen an ausländische Regierungen müssen reduziert werden, wenn der Staat nicht bankrott gehen soll." Spruchsammlungen führen diese Sätze, Werke der Wissenschaft und ökonomische Pamphlete.

Das Problem: Sie stammen aus einem Roman der Britin Taylor Caldwell von 1965. In Wahrheit war Ciceros Verhältnis zu Griechenland viel komplizierter. Aber vielleicht sollte man ihn einfach selbst fragen.

Herr Tullius, Griechenland...

Porträt: Das neue Kabinett in Athen FOTO: ap

Cicero O Zeiten, o Sitten!

Wie bitte?

CIcero Wie lange willst du noch unsere Geduld missbrauchen? Es darf nicht noch öfter das gesamte Wohl des Staates durch einen einzigen Mann gefährdet werden.

Wen meinen Sie?

Cicero Das Griechlein.

Verstehe ich Sie richtig - Sie sehen die Politik der Regierung von Alexis Tsipras in Athen kritisch?

Cicero Nicht einmal das lässt er sich übrig, dass er schweigt und sich fernhält, wenn er offensichtlich schimpflichster Dinge überführt wird - dass er also doch wenigstens den Eindruck erweckt, einen schamhaften Abschluss seiner Schamlosigkeit gesucht zu haben.

Das A und O der Griechen-Krise

Das erstaunt mich. Sie sind als Griechenland-Freund bekannt.

Cicero Man muss sich gründlich davor hüten, enge Bekanntschaften mit Griechen zuzulassen - außer mit den sehr wenigen Menschen, die des alten Griechenland würdig sind. Unter den aktuellen Umständen sind allzu viele Griechen hinterhältig und leichtsinnig und durch tägliche Knechtschaft geschult in übertriebener Schmeichelei.

Warum sollte Europa den Griechen trotzdem weiter helfen?

Cicero Weil wir Menschen zu beaufsichtigen haben, bei denen die menschliche Kultur nicht nur wohnt, sondern von denen sie, so glauben wir, auch zu anderen gekommen ist. Manchmal kommt unvermeidlicher Tadel vor. Oft aber ist es statthaft, milde zurechtzuweisen, wenn auch mit Ernsthaftigkeit, um streng vorzugehen und zugleich eine schmachvolle Behandlung zu vermeiden.

Was haben die Griechen falsch gemacht, dass sie in eine solche Lage gekommen sind?

Cicero O Griechenland, du bist manchmal arm an Worten, von denen du immer glaubst, sie im Überfluss zu haben! Wir Römer haben entweder die Dinge selbst weiser erfunden als die Griechen oder das, was wir von ihnen übernommen haben, besser gemacht - das zumindest, was wir für würdig hielten.

... was ist mit griechischer Literatur? Die ist Rom doch wohl überlegen.

Cicero (lacht) Leicht war es zu siegen, wo es keinen Gegner gab. Griechisch wird gelesen bei allen Völkern, Latein ist in der Tat auf sein eigenes beengtes Gebiet beschränkt.

Im Kern werfen Sie den Griechen also Ineffizienz im Umgang mit den eigenen Ressourcen vor - trotz ihrer kulturellen Überlegenheit. Aber was ist nun konkret die Lösung? Immer wieder wird zum Beispiel von einem neuen Schuldenschnitt gesprochen; auch der Internationale Währungsfonds will einen solchen Schritt.

Cicero Diejenigen, die Volksfreunde sein wollen und deshalb glauben, geliehene Gelder seien den Schuldnern nachzulassen, bringen die Grundlagen des Gemeinwesens ins Wanken - erstens die Eintracht, die es nicht geben kann, wenn den einen Geld genommen, den anderen nachgelassen wird, zweitens die Gerechtigkeit, die insgesamt geraubt wird, wenn es nicht einem jeden erlaubt ist, das Seine zu besitzen.

Was ist mit einer weiteren Erleichterung der Kredit-Konditionen?

Cicero Möglich. Dann zahlen die Griechen zu erträglichem Zinssatz.

Ausbau des Sozialstaats oder lieber ein Investitionsprogramm?

Cicero Die ganze Art solcher Freigebigkeit ist fehlerhaft. Besser sind folgende Ausgaben: Mauern, Werften, Häfen, Wasserleitungen und alles, was den Nutzen des Staates berührt. Allerdings ist, was sozusagen im Augenblick in die Hand gedrückt wird, angenehmer, aber diese Dinge sind für die Zukunft dankbarer.

Muss Europa, ganz hart gesagt, überhaupt Interesse an Griechenland haben? Die griechische Wirtschaftsleistung macht in der Euro-Zone gerade mal zwei Prozent aus.

Cicero In einem Staat können nicht viele Leute Geld und Vermögen verlieren, ohne dass sie viele mehr mit sich in dasselbe Verderben reißen.

Was, wenn sich Ihre Ratschläge am Ende als nicht umsetzbar erweisen?

Cicero Jeder Mensch irrt, nur der Dumme verharrt in seinem Irrtum.

Quelle: RP
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