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Georgsmarienhütte
Großmanns Imperium bröckelt

Georgsmarienhütte. Die Georgsmarienhütte, die von Jürgen Großmann einst gerettet wurde, leidet unter Stahlkrise und hausgemachten Problemen. Auch in diesem Jahr verzichten er und seine drei Kinder auf Ausschüttungen aus der Gruppe. Von Kirsten Bialdiga und Antje Höning

Heinrich Hiesinger schlägt Alarm: "Die Lage in der europäischen Stahlindustrie ist besorgniserregend", sagt der Thyssenkrupp-Chef. Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, Billigimporte aus China und der massive Preisdruck machen den Herstellern zu schaffen. Zudem droht die Europäische Union mit neuen teuren Klimaschutzauflagen. Das setzt eine ganze Branche unter Druck. Stahlrohr-Hersteller Vallourec kündigte gerade den Abbau von 200 Jobs in Deutschland an, Zulieferer werden mit neuen Verträgen geknebelt. Mit der Branchenkrise steigt auch der Druck auf die Georgsmarienhütte (GMH), die Jürgen Großmann vor 23 Jahren gerettet hat. Daraus wurde ein Imperium, das inzwischen ihm (51 Prozent) und seinen Kindern Johanna, Quirin und Anne-Marie (49 Prozent) gehört. Doch das Imperium bröckelt.

Die Großmanns verzichten auf Ausschüttungen aus der GMH Gruppe, wie das Unternehmen bestätigt. "Der Gesellschafter Dr. Jürgen Großmann hat seit 2012 auf Ausschüttungen verzichtet. Genauso seine Kinder, seit sie Mitgesellschafter sind", teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Ziel sei es, damit die Unternehmensentwicklung der Gruppe zu fördern. Der Gewinn des Geschäftsjahres 2015 werde, wenn er denn festgestellt sei, thesauriert (also im Unternehmen gehalten). "Dies ist noch für zwei weitere Jahre geplant. Die Kreditverträge enthalten entsprechende Erklärungen zum freiwilligen Verzicht."

Die GMH Gruppe hat viele Baustellen. 2015 stellte sie die Zuschüsse an das Unternehmen Weserwind ein, das groß am Offshore-Wind-Geschäft verdienen sollte, Weserwind stellte Insolvenzantrag.

In der Stahlbranche heißt es, das grundlegende Problem sei die Struktur des Unternehmens: Die einzelnen Konzerntöchter und Beteiligungen hätten kaum inneren Zusammenhang, keine strategische Klammer, es handele sich um eine bloße "Ansammlung wie auf einer Perlenkette". Großmann habe in den vergangenen Jahren wild Unternehmen zusammengekauft, die Investitionen ins Kerngeschäft aber schleifen lassen. In der Branche schätzt man die Lage der GMH nicht als kritisch ein. "Das hätte sich sonst herumgesprochen", sagte ein hochrangiger Stahlmanager.

Doch auch hier kennt man die Pflichtmitteilung der Gruppe im Bundesanzeiger von Oktober 2015 zum Abschluss 2014: "Nach den derzeitigen Planungen besteht Ungewissheit darüber, ob die vereinbarten Financial Covenants in Bezug auf die Eigenmittelquote zum Stichtag 31. Dezember 2015 eingehalten werden können." Covenants sind Klauseln zu Finanzkennzahlen in Kreditverträgen, die Finanziers eingehalten sehen wollen. Entsprechend heißt es: "Bei Nichteinhaltung des Eigenkapital-Covenant bestehen bankenseitige Sonderkündigungsrechte, deren Ausübung den Bestand der Georgsmarienhütte Holding GmbH und einiger ihrer Tochtergesellschaften gefährden würde."

Nun ist der 31. Dezember 2015 verstrichen und noch sagt die Gruppe nicht, ob die Kennzahlen eingehalten wurden. "Zur Einhaltung der Financial Covenants zum 31.12.2015 können wir vor Beendigung der Abschlussarbeiten nur sagen, dass alles für die Einhaltung sämtlicher Covenants spricht." Zugleich betont die Gruppe: "Die Finanzierung der Georgsmarienhütte Gruppe ist vollständig sichergestellt." Es gebe auch keine Verhandlungen über weitere Kredite. Zudem sei die Gruppe heute wieder gut aufgestellt und habe Aussicht auf deutlich positive Ergebnisse im abgelaufenen Jahr und folgenden Jahren.

Der Ausschüttungsverzicht der Großmanns bedeutet aber, dass sie kein Geld aus der Gruppe bekommen. In der Branche gibt es Spekulationen, dass Jürgen Großmann womöglich private Beteiligungen an die Gruppe verkauft. Klar ist, dass zwei Immobilienunternehmen (RGM Holding und GMH Real Estate) neu in der GMH Gruppe sind, wie die Mitarbeiterzeitung "Glückauf" 2015 berichtet. Das Unternehmen RGM, das zu den Familiengesellschaften von Jürgen Großmann gehöre, sei in die GMH Gruppe übertragen worden - "um zusammen mit der GMH Real Estate die Kompetenzen zu bündeln".

Weiter wird in der Branche spekuliert, ob der Mann, den das "Manager Magazin" in seiner Liste der reichsten Deutschen einst auf Platz 110 führte, sich nun womöglich einschränke. Doch die Frage, ob Großmann seine Jagd im niederrheinischen Winnekendonk verkauft hat oder verkaufen will, wollte die GMH-Sprecherin nicht beantworten. Auch nicht die Frage, ob er sich von Teilen seiner Oldtimer-Sammlung getrennt und ein russischer Käufer dafür mehrere Millionen Euro gezahlt habe. "Wir erwarten, dass die Privatsphäre von Dr. Großmann respektiert wird. Deshalb beantworten wir solche Fragen nicht ."

Nur so viel: Das Edelrestaurant La Vie, das Großmann ebenfalls gehört, habe noch nie zum Verkauf gestanden. Wie sagte Großmann mal? "Essen ist ein Mittel zur Stressbewältigung."

Quelle: RP
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