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Berlin
Hersteller zahlen halbe Milliarde an Ärzte und Kliniken

Berlin. Krankenkassen und Transparency geht die Initiative der Pharma-Hersteller nicht weit genug.

Die Pharmaindustrie hat im vergangenen Jahr in Deutschland mehr als eine halbe Milliarde Euro an Ärzte und Krankenhäuser für klinische Studien, Weiterbildungen und Vortragshonorare gezahlt. Die Summe betrage 575 Millionen Euro, teilte der Verband Forschender Pharma-Unternehmen (Vfa) mit. Mit der erstmaligen Veröffentlichung der Zuwendungen setzen die 54 Unternehmen des Vfa einen Transparenzkodex um, den sie sich selbst auferlegt haben. Krankenkassen und Anti-Korruptions-Experten halten die Selbstverpflichtung für zu kurz gesprungen.

Nach eigenen Angaben decken die beteiligten Firmen 75 Prozent des deutschen Pharmamarktes für verschreibungspflichtige Medikamente ab. Von Montag an bis zum 30. Juni veröffentlichen sie auf ihren Webseiten die Leistungen an Ärzte und medizinische Organisationen. Dem Vfa gehören Firmen wie Bayer, GlaxoSmithKline, Novartis, Boehringer Ingelheim und Sanofi an.

Immer wieder sieht sich die Branche dem Vorwurf ausgesetzt, Geld für umstrittene Studien, Fortbildungen und Reisen zu bezahlen. Mit der Transparenzoffensive wollen die Unternehmen den Verdacht der Einflussnahme auf Ärzte zur Verschreibung bestimmter Arzneimittel ausräumen.

366 Millionen Euro und damit etwa zwei Drittel der Gelder flossen an Ärzte, Kliniken und andere Gesundheitsberufe für klinische Studien und sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Bei klinischen Studien werden neue Medikamente vor der Zulassung in Krankenhäusern und Arztpraxen getestet. Bei den Anwendungsbeobachtungen protokollieren Ärzte die Wirkung einer Arznei auf ihre Patienten und leiten diese anonymisiert an das Unternehmen weiter.

Weitere 119 Millionen seien als Vortragshonorare an Ärzte und für Fortbildungen eingesetzt worden. 90 Millionen Euro wurden für das Sponsoring von Fortbildungsveranstaltungen, Spenden und Stiftungen aufgewendet. Soweit die Ärzte dem zustimmen, sollen individuelle Leistungen wie Vortragshonorare konkret dargelegt werden.

Vfa-Chefin Birgit Fischer sagte, der Erfahrungsaustausch der Industrie mit Ärzten und Kliniken sei bei der Entwicklung eines neuen Arzneimittels essenziell. Mit der Initiative solle Akzeptanz geschaffen werden. Die Zahlen sollen nun jährlich veröffentlicht werden, die Firmen müssen sie mindestens drei Jahre im Internet belassen.

Eine Sprecherin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung sagte, die Initiative helfe, Licht in die Zahlungen der Pharmaindustrie zu bringen. Noch besser wäre jedoch, wenn der Patient nachvollziehen könne, wie viel Geld an welchen Arzt geflossen sei. Auch Wolfgang Wodarg von Transparency International bemängelte, dass für Ärzte die Teilnahme freiwillig sei. "Ärzte, die was verstecken wollen, können was verstecken", sagte er. Mediziner, die besondere Verbindungen zur Industrie hätten und bestimmte Medikamente verschrieben, wollten nicht, dass Patienten dies erführen.

(rtr)
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