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"Ich habe sieben Lebensversicherungen"

Düsseldorf Markus Rieß ist ein Pendler zwischen den geografischen Welten. Der Chef des Versicherungskonzerns Ergo (seit 2015) ist gleichzeitig Vorstandsmitglied der Ergo-Mutter Munich Re und somit häufig unterwegs - zwischen Düsseldorf, München und anderen Ergo-Standorten. Da bleibt wenig Zeit für den Fan des FC Bayern, seinen Fußball-Lieblingsverein zu sehen.

Was macht Ihnen derzeit mehr Spaß - Ergo oder der FC Bayern?

RIESS Eindeutig Ergo. Das ist natürlich auch eine Frage von persönlichem Engagement. Den Konzern zukunftsfähig aufzustellen, ist eine Aufgabe, die viel Spaß macht. Auch wenn wir schwierige und schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen.

Sie haben jüngst von Aufbruchstimmung im Unternehmen geredet. Das fällt schwer zu glauben, wenn in den nächsten Jahren 2400 Jobs wegfallen.

RIESS Natürlich macht Stellenabbau niemandem Spaß, auch mir nicht. Für uns geht es in den nächsten Jahren darum, dass wir unsere Kapitalkosten verdienen und wettbewerbsfähige Kostenstrukturen bekommen, und dafür ist der Abbau leider unumgänglich. Das müssen wir entschlossen, aber auch mit Anstand und Würde umsetzen.

Aufbruchstimmung . . . ?

RIESS Gibt es trotzdem. Sehr viele Mitarbeiter glauben an die neue Strategie und wollen zum Erfolg beitragen.

Wie weit sind Sie mit dem Abbau?

RIESS Bisher haben wir freiwillige Vereinbarungen mit ungefähr 400 Vertriebsmitarbeitern . . .

. . . das ist wenig im Vergleich zur angestrebten Gesamtzahl.

RIESS Nein, es wäre naiv zu glauben, man würde Stellenabbau beschließen und könnte dann sofort loslegen. Wir müssen zunächst die Arbeitnehmervertreter für den neuen Kurs gewinnen. Wir haben seit Anfang der Woche für alle Bereiche, die reduzieren werden, eine Einigung erzielt und können nun auch dort mit der Umsetzung beginnen.

Können Sie Kündigungen ausschließen?

RIESS Es gibt eine Vereinbarung, nach der wir in vielen Bereichen bis Ende 2018 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Wir erwarten, dass bis dahin genug Mitarbeiter freiwillige Angebote angenommen haben oder im Rahmen der Fluktuation gegangen sind. Ausschließen können wir Kündigungen danach aber nicht.

Was wird der Ergo-Umbau kosten?

RIESS Unterm Strich wird es eine Milliarde Euro sein.

Wie viel fließt in die IT, von der manche sagen, sie sei hoffnungslos veraltet?

RIESS Etwa 500 Millionen Euro. Und die IT ist nicht hoffnungslos veraltet, sondern renovierungsbedürftig. Viele Systeme sind eben am Ende des Lebenszyklus angekommen.

Apropos Ende des Lebens - ist die Lebensversicherung nicht tot?

RIESS Nein. Mit ihr kann man viel Kapital über einen langen Zeitraum binden - mit einer vergleichsweise immer noch attraktiven Verzinsung.

Aber es ist doch für Kunden viel attraktiver, nur das Risiko über die Lebensversicherung abzuschließen und beispielsweise mit Aktien deutlich rentabler vorzusorgen.

RIESS Die Frage ist aber: Wie viel Risiko wollen Sie eingehen? Und wann brauchen Sie das Geld? Aktien sind immer auch eine Wette auf den Zeitpunkt, zu dem ich das Geld brauche.

Mit einer fondsgebundenen Lebensversicherung habe ich auch ein Risiko.

RIESS Das ist aber deutlich kleiner, als wenn Sie direkt in Aktien oder Fonds investieren.

Die Versicherer glauben doch selbst nicht mehr an das Produkt, sonst würden doch nicht viele den Verkauf klassischer Produkte einstellen.

RIESS Es gibt die Lebensversicherung weiter, sie wird nur anders angeboten, mit veränderten Garantien oder komplett ohne. Das ist nicht der Tod, sondern eine entscheidende Neuaufstellung.

Die Minizinsen sprechen nicht dafür, dass sich die Aussichten für das Geschäft verbessern.

RIESS Es spricht im Moment einiges dafür, dass das tiefste Tief der Zinsen hinter uns liegt. Vieles hängt davon ab, wie sich die Zinsen in Amerika verändern, wie sich die politischen Verhältnisse in Frankreich und Italien entwickeln, ob und wie lange die Europäische Zentralbank an ihrer Geldpolitik festhält. Wenn jetzt der Ölpreis steigt und damit die Inflationsrate, könnten die Zinsen auch in Europa wieder steigen.

Manche Versicherer haben längst Geld in alternative Investments gesteckt, um rentabler zu werden und ein zusätzliches Standbein zu haben. Wäre das nicht auch was für Sie?

RIESS Wenn mehr Beteiligung von privaten Investoren an Infrastrukturprojekten möglich wäre, würden wir sofort mitmachen.

Wenn Eon Teile seines Stromnetzes verkauft, hätten Sie Interesse?

RIESS Wenn Eon oder ein anderer Anbieter sein Netz verkauft, würden wir uns das gerne ansehen. Nicht umsonst sind in Netzen aller Art schon viele Banken, Versicherungen und Pensionsfonds engagiert.

Und was ist mit den Stromtankstellen, die die Autokonzerne errichten wollen?

RIESS Ein interessantes Projekt. Da muss man aber gegenrechnen, welche Einnahmen zu generieren sind. Das sehe ich derzeit noch nicht.

Noch mal zurück zur Lebensversicherung: Wenn Sie schon ein so glühender Fan sind - haben Sie denn selbst auch noch eine Police?

RIESS Nicht nur eine, sondern sieben Lebensversicherungen, darunter auch klassische alte, dazu einen Riester-Vertrag und einen über die betriebliche Altersvorsorge. Ich bin ein sehr risikoaverser Mensch.

Die Lebensversicherung ist ein Problemfeld für die Branche, die Krankenversicherung ein anderes. Derzeit wird die Bürgerversicherung diskutiert. Die könnte bewirken, dass die private Krankenversicherung in Deutschland abgeschafft wird.

RIESS Ich bin ein Gegner der Bürgerversicherung. Sie würde die Arbeitskosten in Deutschland nur weiter verteuern, die Beiträge für die Arbeitnehmer würden deutlich steigen, wenn die Beitragsbemessungsgrenze in der Krankenversicherung auf die der Rentenversicherung angehoben werden sollte. Und die medizinische Versorgung würde mit Sicherheit auch schlechter.

Wie viel Versicherte und wie viel Beitrag würde Sie das kosten?

RIESS Die Zahlen kann ich Ihnen nicht vorhersagen; sie hingen, sollte die Bürgerversicherung überhaupt kommen, ja auch davon ab, wie sie am Ende ausgestaltet wäre. Es ist doch so, dass wir auf natürlichem Weg 2015 rund 20.000 Vollversicherte verloren haben. Dafür machen wir aber mehr Neugeschäft mit privaten Zusatzversicherungen. 2015 beliefen sich nur noch 68 Prozent unserer Prämieneinnahmen auf die Vollversicherung, der andere Teil waren überwiegend Zusatzversicherungen unterschiedlicher Natur.

Sie nennen sich selbst einen Fan der Digitalisierung. Was heißt das für die Kunden?

RIESS Dass er mit uns auf allen Wegen kommunizieren und Verträge schließen können soll, auf denen er das will. Und dies alles viel schneller.

Natürlich kommen Sie um das leidige Thema Budapest und Lustreise nicht herum. Wie sehr belastet das noch das Ergo-Image?

RIESS Das liegt jetzt knapp ein Jahrzehnt in der Vergangenheit und ist bei unseren Kunden kein Thema, sondern eher intern. Das Unternehmen hatte sich nach Bekanntwerden des Falles von den verantwortlichen Personen getrennt. Wir beschäftigen uns jetzt intensiv mit der Zukunft von Ergo.

MICHAEL BRÖCKER, ANTJE HÖNING UND GEORG WINTERS STELLTEN DIE FRAGEN

Quelle: RP
 
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