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Interview mit IG BCE Chef Michael Vassiliadis
"Wir brauchen die Drei-Tage-Woche für Ältere"

IG BCE Chef Michael Vassiliadis: "Drei-Tage-Woche für Ältere"
IGBCE-Chef Michael Vassiliadis wehrt sich gegen den Eindruck, der Gewerkschaft liefen die Mitglieder davon. FOTO: Miserius, Uwe
Düsseldorf. An diesem Freitag feiert die Chemie-Gewerkschaft IG BCE ihren 125. Geburtstag. Gewerkschafts-Chef Michael Vassiliadis wünscht sich vom Staat die Einführung einer Teilrente. Für die Flüchtlinge soll der Staat über Lohnzuschüsse nachdenken, nicht aber den Mindestlohn senken. Ein Interview.

In diesen Tagen wird die IG BCE 125 Jahre alt. Was war die größte Errungenschaft, die Ihre Gewerkschaft erkämpft hat?

Vassiliadis Ganz wichtig ist sicher, dass unsere Tarifverträge tatsächlich für faktisch alle Beschäftigten unserer Branchen gelten. Das ist die Basis, auf der wir immer wieder fortschrittliche Lösungen entwickeln und dabei oft auch Vorreiter für andere sein konnten. Zum Beispiel 1987, als wir die überholte Unterscheidung in Angestellte und Arbeiter aufgehoben haben. Gleiches gilt für die Sicherung von Ausbildung und Beschäftigung oder auch die zusätzliche Altersvorsorge.

Trotzdem laufen auch Ihnen Mitglieder davon, seit 2011 allein 14.000. Woran liegt das?

Vassiliadis Niemand läuft weg. Im Gegenteil, unsere Mitglieder bleiben uns selbst im hohen Alter noch treu. Allerdings werden einige unserer Branchen ganz hart vom Strukturwandel getroffen, der Bergbau beispielsweise. Trotzdem sind bei rund einer Million Beschäftigten in unseren Branchen mit 658.000 Mitgliedern nach wie vor gut vertreten. Und in jedem Jahr werden zwei von drei neuen Auszubildenden auch Mitglied in unserer IG BCE. Ein schöner Erfolg.

Das populäre Vorurteil zur IG BCE lautet: Die streiken nie. Können Sie auch Streik?

Vassiliadis Natürlich können wir streiken, und das haben wir auch gezeigt, wenn es erforderlich, etwa bei der Durchsetzung von Haustarifverträgen für einzelne Unternehmen. Doch Streik ist für uns immer das letzte Mittel. Meistens kommen wir in durchaus harten Verhandlungen zum Ziel.

Die letzte Chemie-Tarifrunde war ungewöhnlich hart. Ein Thema war die Drei-Tage-Woche für 60-Jährige. Bleibt das auf der Agenda?

Vassiliadis Selbstverständlich. Deshalb haben wir ja in der letzten Chemie-Runde unseren Demographie-Topf kräftig aufgestockt. Das Geld, das da rein fließt, kann genutzt werden, um eine Drei- oder Vier-Tage-Woche für Ältere zu finanzieren. Nicht für alle, aber für Beschäftigte mit besonderen Belastungen wie Schichtarbeit. Da brauchen wir Lösungen, weil diese Beschäftigten niemals die Chance haben, bis zur Rente mit 67 durchzuhalten. Mit unserer Tarifpolitik sind wir da in Vorleistung gegangen, jetzt muss auch der Staat seinen Beitrag leisten.

Was soll der Staat tun?

Vassiliadis Älteren Arbeitnehmern rasch eine Teilrente anbieten. Dann können wir Teilzeitarbeit mit der Teilrente kombinieren. Und mit dem Geld aus dem Demographie-Fonds schließen wir die finanzielle Lücke, die sonst im Alter entsteht. Wer wirklich will, dass Ältere tatsächlich länger im Betrieb bleiben, der muss auch realistische Möglichkeiten dafür schaffen.

Arbeitgeber-Verbände fordern, das Arbeitszeitgesetz zu ändern und den Acht-Stunden-Tag aufzuheben. Stattdessen soll nur die wöchentliche Arbeitszeit begrenzt werden. Was halten Sie davon?

Vassiliadis Das ist doch ein Vorschlag aus der Mottenkiste. Natürlich brauchen die Unternehmen im digitalen Zeitalter Flexibilität, aber das ist schon längst betriebliche Praxis. Das Arbeitszeitgesetz setzt bei aller notwendigen Flexibilität Grenzen, und das muss so sein und bleiben. Schließlich muss man auch die Beschäftigten in Branchen schützen, in denen es keine starken Gewerkschaften gibt.

Ihre andere große Branche ist die Energie. Sorgen Sie sich um RWE und Eon?

Vassiliadis Ich sorge mich, ob die Politik ausreichend verantwortungsvoll mit der Branche umgeht. Das scheint mir nicht immer der Fall zu sein. Die Politik sollte zusehen, dass auch die großen Konzerne am Leben bleiben. Schließlich sollen die ja auch den Rückbau der Atommeiler und die Endlagerung des Mülls bezahlen.

Wirtschaftsminister Gabriel mahnt die Konzerne: Eltern haften ihre Kinder. Richtig?

Vassiliadis Ja, dazu gehören aber zwei: Neben dem Mutterkonzern auch Vater Staat. Der hat ja vor Jahrzehnten selbst auf den Einstieg in die Atomkraft gedrängt. Natürlich müssen die Unternehmen, die mit Atomstrom Milliarden verdient haben, jetzt auch für die Entsorgung einstehen. Aber ebenso ist der Staat in der Pflicht.

Also brauchen wir eine Atomstiftung?

Vassiliadis Viele Politiker haben die irrige Vorstellung, dass die Versorger einen Goldschatz im Keller bunkern, den man nur abholen müsste. So einfach ist das nicht. Die Rückstellungen sind in Kraftwerken und Netzen gebunden. Wer den Konzernen jetzt auf einen Schlag die Milliarden-Rückstellungen entziehen, zwingt sie womöglich endgültig in die Knie. Das kann nicht vernünftig sein. Wir brauchen sicher bessere Lösungen.

Beim Thema Braunkohle wittert die EU jetzt eine Beihilfe, wenn die Versorger für Kraftwerke in Reserve eine Prämie erhalten. Was tun?

Vassiliadis Es gibt ja kein Geld ohne Gegenleistung, in diesem ist das Versorgungssicherheit. Und wir vermeiden einen Strukturbruch mit Entlassungswellen. Im Übrigen: Deutschland macht mit dem Braunkohle-Kompromiss genau das, was die EU als Ziel formuliert hat: den Ausstoß an CO2 senken. Dann kann die Prämie kaum eine unzulässige Hilfe sein.

Das Thema dieser Tage sind die Flüchtlinge. War es richtig, dass Deutschland die Grenze zugemacht hat?

Vassiliadis Ich denke: Ja. Das soll ja keine Kehrtwende in der Flüchtlingshilfe sein, sondern war einfach notwendig, um uns selbst nicht zu überfordern. Deutschland verschafft sich so Luft, um eine würdige Unterbringung zu organisieren. Im Übrigen müssen auch andere EU-Länder mehr Flüchtlinge aufnehme und bereit sein, die damit verbundenen Lasten fair zu teilen.

Arbeitgeber sehen in Flüchtlingen auch eine Chance für die Wirtschaft. Ist das so?

Vassiliadis Im Vordergrund steht nicht der Fachkräftemangel, sondern die Aufgabe, Menschen rasch zu helfen. Und die beste Integration erfolgt über die Arbeit.

Was können Wirtschaft und Gewerkschaft hier tun?

Vassiliadis Wir werden beispielsweise in der chemischen Industrie unser Programm "Start in den Beruf" für benachteiligte Jugendliche erweitern und auf junge Flüchtlinge ausdehnen. Das haben wir bereits mit den Arbeitgebern vereinbart. Da geht es ganz praktisch um Sprach- und Berufsförderung als Voraussetzung für eine spätere Ausbildung. In einem Spitzentreffen mit allen anderen IG BCE-Branchen haben alle Verbände zugesichert bei der Suche nach Beschäftigungschancen mitzumachen.

Viele Flüchtlinge sind ungelernt. Kein Betrieb wird sie für den Mindestlohn von 8,50 Euro einstellen. Sollte man den Mindestlohn für sie senken, um ihnen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben?

Vassiliadis Nein. Es scheint jede Situation von einigen genutzt zu werden, dieses Thema erneut aufzuwerfen. Wenn wirklich nötig, dann sollte man darüber nachdenken, ob der Staat den Betrieben befristet hilft, neue Beschäftigung zu Mindestlöhnen zu schaffen.

Mit Miachel Vassiliadis sprach Antje Höning.

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