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Analyse
Wem die IG Luftverkehr gefährlich wird

Düsseldorf. Umbruch in der Luftfahrtbranche. Mit der neu gegründeten Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL) betritt ein weiterer Spieler die Tariflandschaft bei Flugzeugcrews und Bodendiensten. Von Maximilian Plück

Bei der IGL handelt es sich um eine Dachorganisation, der neben der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (Ufo) die Arbeitnehmergewerkschaft im Luftverkehr (AGiL) und die Technikgewerkschaft Luftfahrt (TGL) beigetreten sind - die beiden Letztgenannten sind bislang noch nicht tariffähig.

Die IGL könnte sich künftig auf mehreren neuen Schauplätzen tummeln. Schauplatz eins wäre der Bereich des Bodenpersonals: So kündigte der IGL- und Ufo-Chef Nicoley Baublies gestern an, dass die IGL die Lufthansa zu Tarifverhandlungen für alle Berufsgruppen außerhalb des reinen Flugbetriebs auffordern werde. Das wären rund 33.000 Beschäftigte in den Technikeinheiten, den Großküchen oder an den Bodenstationen.

Zwar hält sich die Kranichlinie offiziell mit einem Kommentar zu den Vorgängen zurück. Beim Management dürfte die IGL-Ankündigung jedoch für wenig Jubel sorgen. Bislang handelten die Personalverantwortlichen mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die Tarifverträge für das Bodenpersonal aus. Kommen nun noch Gespräche mit der IGL hinzu, steuert Deutschlands größte Fluggesellschaft auf eine ähnliche Situation zu, wie es sie zuletzt bei der Deutschen Bahn gab. Dort zankten sich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) über Monate um Mitglieder und Einfluss. Der Streit führte zu den längsten und heftigsten Lokführer-Streiks in der Geschichte der Deutschen Bahn.

Streik: Diese Rechte haben Sie als Flugpassagier FOTO: Hans Blossey

Bei Verdi, Mitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), herrschte gestern demonstrative Ruhe: "An dieser Stelle bin ich extrem gelassen. Verdi ist die mit Abstand größte Gewerkschaft bei der Lufthansa am Boden", sagte Vorstandsmitglied Christine Behle. Für eine Zusammenarbeit mit dem "nicht tariffähigen Konstrukt" IGL bestehe für Verdi kein Anlass, ergänzte sie spitz.

Um das Verhältnis zwischen der DGB-Gewerkschaft und dem IGL-Mitglied Ufo steht es nicht zum Besten. Ursprünglich hatte auch Verdi zahlreiche Flugbegleiter organisiert, ehe sich mit der Ufo eine eigenständige Organisation herausbildete, die Verdis Einfluss beim Kabinenpersonal marginalisiert hat.

Den Versuch der IGL, das Bodenpersonal in Gänze zu organisieren, muss Verdi als Kriegserklärung auffassen. Denn dank des Tarifeinheitsgesetzes wäre die Gewerkschaft mit weniger Mitgliedern im Betrieb dazu verdammt, den Abschluss der Mehrheitsgewerkschaft zu übernehmen. "Wenn tatsächlich gezählt werden sollte, haben wir gute Karten", erklärte Baublies. Doch allein schon die Frage, was zu dem Betrieb gezählt werden kann, könnte demnächst die Gerichte beschäftigen.

Bei den 19.000 Flugbegleitern soll erst einmal alles beim Alten bleiben. Die Ufo will unter dem Dach der IGL weiterhin für deren Belange verhandeln. Bliebe als weiterer neuer Schauplatz noch der Bereich der Lufthansa-Piloten. Offiziell heißt es vonseiten der IGL, man wolle das Feld zunächst weiterhin der Vereinigung Cockpit (VC) überlassen. Wohlgemerkt "zunächst". Denn die Gründung der IGL beinhaltet eine indirekte Drohung in Richtung VC. Frei nach dem Motto: "Kommt ihr nicht mit euren stockenden Verhandlungen zum Abschluss, werben wir verstärkt um eure Mitglieder." Die IGL, insbesondere die Ufo, könnte als Werbung ihren auf Konsens ausgerichteten Verhandlungsstil anführen, der weitere Auslagerungen bei der Lufthansa unwahrscheinlicher machen könnte. Sie zeigte sich in Gesprächen mit dem Konzern über die Übergangsrenten kompromissbereiter als die Piloten. Fänden sich genügend übertrittswillige VC-Mitglieder, so dass die IGL für Piloten tariffähig würde, wäre das eine Bedrohung für die VC.

Allerdings wäre ein Zweitfronten-Krieg - also mit Verdi und der VC - eine enorme Belastung für die IGL. "Die neue Gewerkschaft tut sich keinen Gefallen, Grabenkämpfe nach links und rechts zu führen", sagt Hagen Lesch, Tarifexperte vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, "dafür ist die Tarifthematik zu komplex. Die Verantwortlichen sollten zusehen, dass sie in der bestehenden Verhandlungsstruktur zu einem Ergebnis kommen."

Für die streikgeprüfte Lufthansa ist eines jedoch bereits klar: Das Tarifgeschäft dürfte mit der neuen Gewerkschaft noch einmal deutlich schwieriger geworden sein.

Quelle: RP
 
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