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Berlin
Immer noch zu wenig Frauen ganz oben

Berlin. Viele Unternehmen erfüllen die Quote noch lange nicht. Der Kulturwandel brauche mehr Zeit als gedacht, heißt es.

Für viele war es ein historischer Schritt: Im März wurde die Frauenquote Gesetz. Allerdings haben viele der etwa 100 größten börsennotierten und mitbestimmungspflichtigen Unternehmen die Quote von 30 Prozent mit Jahresbeginn 2016 nicht erreicht und werden sie auch Ende des kommenden Jahres nicht geschafft haben. Denn erst, wenn Neubesetzungen oder Nachwahlen für den Aufsichtsrat anstehen, greift die Neuregelung. Das kann bis zu fünf Jahre dauern.

Im August 2015 lag die durchschnittliche Frauenquote in den Aufsichtsräten der Dax-Unternehmen bei 26,7 Prozent. Nach inoffiziellen Zahlen der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar) ist sie Ende 2015 niedriger - mit bemerkenswerten Differenzen. Spitzenreiter im August war Henkel mit 43,75 Prozent. Fresenius und Fresenius Medical Care waren Schlusslichter - mit 0,0 Prozent.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht die Quote nach wie vor kritisch. "Eine starre Quote ist und bleibt ein erheblicher Eingriff in die unternehmerische Freiheit", sagt Holger Lösch, Mitglied im BDI-Hauptvorstand. Insgesamt hat der Verband aber wohl seinen Frieden damit gemacht. Lösch sieht bei den Bemühungen der Firmen "spürbare Fortschritte".

Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow sieht dagegen immer noch große Vorbehalte: "Viele fühlen sich durch das Gesetz gestört." Die gängige Einstellung sei weiter: "Was mischt sich der Staat bei der Privatwirtschaft ein?" Manche Unternehmen verweigerten sich mit dem bekannten Argument: "Wir finden niemanden." Bemerkenswert ist laut Fidar auch, dass der Frauenanteil auf der Arbeitgeberseite der Aufsichtsräte noch geringer ist als bei den Arbeitnehmern. Etwa jedes Fünfte der rund 100 Top-Unternehmen hat gar keine Frau auf der Anteilseignerseite des Aufsichtsrats.

Mindestens so wichtig wie die 30-Prozent-Quote in den größten Konzernen sind die Vorgaben für etwa 3500 weitere Firmen, die sich selbst Zielgrößen für den Frauenanteil in Vorstand, Aufsichtsrat und weiteren Führungsetagen geben müssen. Die Umsetzung kommt hier offensichtlich nur schleppend voran. Die Zielvorgabe Null ist keine Seltenheit.

"Da gibt es relativ wenig Fortschritte", sagt Schulz-Strelow. Manche Unternehmen hebelten die gesetzte Frist 2017 aus, indem sie sich für Ende 2016 eine sehr bescheidene Zielvorgabe setzen, und sich dann die nächsten fünf Jahre nicht weiter verpflichten müssten. "Die Fristen sind sehr kurz. Man darf keine Wunder erwarten", sagt Lösch.

Auch die 100 Großen müssen sich über die Aufsichtsräte hinaus für Vorstände und Führungsetagen Zielvorgaben zur Frauenquote setzen. Bei den Dax-30 liegt sie derzeit nur bei sieben bis acht Prozent (Stand August 2015). Insgesamt sind bei den 30 Unternehmen nur 16 Frauen im Vorstand. Ein Jahr vorher waren es zwölf - von 192.

"Der Kulturwandel braucht mehr Zeit, als wir uns das gewünscht haben", sagt Schulz-Strelow. Aber sie hofft: "Viele sehen es so: Wenn wir etwas tun, dann erwarten wir eine bessere Reputation. Das ist der Hebel, wo wir ansetzen müssten, denn Reputation ist ein hohes Gut bei der Unternehmerschaft."

Eindeutig positiv sieht die Unternehmensberaterin Ana-Cristina Grohnert, Managing Partner bei Ernst & Young, die Quote: "Sie hat die Diskussion beschleunigt. Und einige Unternehmen haben den Weckruf gebraucht." Auch Grohnert weist allerdings auf die großen Unterschiede hin: "Einige Unternehmen sind früher wach geworden als andere." International ausgerichtete Konzerne seien oft schneller gewesen, andere einfach nicht gut vorbereitet. "Die sagen jetzt: Es gibt keine geeigneten Frauen." Insgesamt habe sich das Klima in den Unternehmen aber geändert: "Die Stimmung ist nicht mehr so ängstlich wie vor der Quotendiskussion, sondern viel pragmatischer und positiver als die Abwehrreaktion, die vorher da war." Viele wüssten inzwischen: "Eine Kultur, die offen ist für Andersartigkeit, kann auch wirtschaftlichen Erfolg bedeuten", sagt Grohnert, die Vorstandsvorsitzende des Vereins "Charta der Vielfalt" ist.

(dpa)
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