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Kolumne Karsten Tripp
In der Krise zählt die Zukunft

Kolumne Karsten Tripp: In der Krise zählt die Zukunft
FOTO: HSBC
Die Börse schaut nach vorn, nicht nach hinten. Deswegen kommt es beispielsweise bei den Autobauern nicht auf die Höhe der Verluste an, sondern auf das Management. Im Gegensatz zu den Banken kann es in der Autobranche schnell aufwärts gehen.

Angeblich gehören Gespräche über Autos zu den bevorzugten Themen in Männerrunden. Nicht so in diesen Tagen, jedenfalls nicht an der Börse. Die Nachrichten der jüngsten Vergangenheit aus der Branche waren vieles, aber eines ganz sicher nicht: positiv. Dabei hätte man sich nach dem Diesel-Abgas-Skandal doch vor allem das gewünscht, um den Kursen der Autoaktien mal wieder Schwung nach oben zu verleihen. Fragt sich der Anleger: Muss ich meine Werte aus dieser Branche jetzt verkaufen? Oder sind die niedrigeren Kurse vielleicht sogar eine Gelegenheit, zuzugreifen?

Für mich als Aktionär ist die Sache in einer Hinsicht klar: Wenn mein Unternehmen in kriminelle Vorgänge verwickelt ist, muss ich mich auf Verluste einstellen. Diese Verluste können mich auf vier Wegen treffen: Erstens sind Strafzahlungen zu erwarten, zweitens fordern die Leidtragenden - etwa die Kunden - Schadenersatz, drittens wird das Unternehmen als risikoreicher wahrgenommen, was die Bewertung senkt, und viertens springen Nachhaltigkeitsinvestoren ab. Das sind jene, die sich unter anderem an ethischen Grundsätzen orientieren. Ihre Zahl ist zuletzt kräftig angestiegen. Sie verkaufen, wenn sich etwa ein Betrugsverdacht erhärtet, und das notfalls um jeden Preis. So erklären sich die jüngsten Kurseinbrüche von Autoaktien.

Noch keine zehn Jahre ist es her, da traf die Bankenbranche ein ähnlich harter Schlag. Was dann folgte, mag für die Autoindustrie ein passendes Drehbuch sein. Und wer würde an der Börse nicht gern schon das Ende des Films kennen, in dem er gerade sitzt? Die wichtigste Erkenntnis ist erstaunlich einfach: Für den Aktionär kommt es nicht auf die Höhe der Verluste an, sondern auf gutes Krisenmanagement. Denn die Börse schaut nach vorn, nicht nach hinten. Es wäre zwar schön zu wissen, was in der Branche hinter verschlossenen Türen geschehen ist. Aber auch das wäre nur ein vager Anhaltspunkt für die künftige Wertentwicklung.

Denken Sie an die Banken. Auslöser der Finanzkrise waren falsche Managemententscheidungen, bei den später aufgedeckten Skandalen trat auch kriminelles Verhalten zutage. Folgerichtig schrieben viele Banken im Jahr 2008 tiefrote Zahlen. Das ist bei den Autobauern anders. Selbst Unsicherheiten über die Rolle des Elektroantriebs und mögliche Fahrverbote für Dieselfahrzeuge hat die Konzerne bislang nicht spürbar beeinträchtigt. Die Halbjahreszahlen zeigen weiter Rekordgewinne.

Die entscheidende Rolle spielt deshalb die Entschlossenheit bei der Krisenbewältigung. Beispiel USA: Es gab harte Schnitte und Eingriffe in die Banken-Branche. Inzwischen sind die dortigen Institute wieder an der Weltspitze angekommen. In der Eurozone und in Deutschland hat man versucht, Probleme schrittweise und über Zeit zu lösen. Ergebnis: Viele Häuser sind nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Diesmal kann es besser laufen - die Autobauer schlafen nicht. Einzelne Manager deuten an, dass man möglicherweise einen Joker ziehen wird. Und der heißt: Aufspaltung des Konzerns. Viele Anleger wünschen sich, dass sie separat in die Pkw- und die Lkw-Sparte eines Unternehmens investieren können. Sowohl Daimler als auch VW vereinen aber aktuell beide Segmente unter ihrem Dach. Eine Aufspaltung würde die Börse wohl begrüßen.

Der Joker kann stechen, weil er einen entschlossenen und kräftigen Einschnitt darstellt. Dann mögen sich deutsche Autoaktien ähnlich verhalten wie seinerzeit US-Bankaktien: Wenn die öffentliche Entrüstung vorbei ist, kommt die Qualität der Unternehmen wieder zur Geltung. Wer an die glaubt, muss seine Autoaktien heute nicht verkaufen.

DER AUTOR IST CHEFANLAGESTRATEGE PRIVATE BANKING HSBC DEUTSCHLAND.

Quelle: RP
 
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