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Mönchengladbach
In der Weihnachtsdruckerei

Mönchengladbach. Weil Fotobücher zu den Rennern auf dem Gabentisch gehören, haben die Druckereien derzeit Hochkonjunktur. Cewe-Print in Mönchengladbach bearbeitet 90.000 Aufträge pro Tag - seit Nikolaus im 24-Stunden-Dauerbetrieb. Von Ludwig Krause

Es riecht nicht nach Zimt, niemand hat Mehl im Gesicht, und von den Zutaten sollte man schon gar nicht probieren. Trotzdem liegt sie an der Erftstraße in Mönchengladbach doch in der Luft, diese ganz besondere Vorweihnachtsstimmung. Im Industriegebiet Giesenkirchen hat die Druckerei Cewe-Print ihren Sitz. Klingt nicht besonders weihnachtlich, zugegeben. Dennoch entstehen dort auf knapp 5000 Quadratmetern in diesen Tagen eben jene Geschenke, die zu den persönlichsten auf dem Gabentisch gehören dürften. Bücher mit den Erinnerungen an das vergangene Jahr, Kalender mit schokoverschmierten Kindergesichtern. Genau die Präsente also, die Großeltern regelmäßig zu Tränen rühren. Und nicht nur die.

Der Betrieb wirkt unscheinbar - wer nicht aufpasst, könnte glatt vorbeifahren. An den Terminals im beschaulichen Empfangsbereich können Kunden noch eigenhändig ihre Fotos ausdrucken und den Damen am Empfang bei Spekulatius von ihren Motiven erzählen. Eine begehbare Weihnachtskrippe hat ein Kunde fotografiert. Nun darf jeder mal gucken.

Erst wer einige Gänge weiter durch die Türen des Produktionsbereichs tritt, ist mittendrin im Weihnachtsstress. "Allein in Mönchengladbach bearbeiten wir derzeit 90.000 Aufträge pro Tag", sagt Geschäftsführer Matthias Meß. Das ist das Sechs- bis Siebenfache des normalen Betriebs. "Seit Nikolaus arbeiten wir 24 Stunden rund um die Uhr", sagt Produktionsleiter Lutz Cremers.

4000 Geschäfte werden bis in die Benelux-Länder beliefert, dazu kommen die Privatkunden. Ausnahmezustand am laufenden Band. Zehn Druckereien dieser Art hat Cewe-Print. Die Produktion ist zu großen Teilen automatisiert, 235 Mitarbeiter sind beschäftigt, 50 von ihnen als Saisonkräfte in der Vorweihnachtszeit. Dreck, Krach und Hektik sucht man aber vergebens. Die Weihnachtsdruckerei, sie kommt eher steril daher. Bücher werden geleimt, Fotos geschnitten, Taschen sortiert. Ständiger Begleiter: das Rattern der Fließbänder.

Etwa 60.000 Fotobücher aus Mönchengladbach, so schätzt der Produktionsleiter, werden an Heiligabend unter den Weihnachtsbäumen liegen. Warum die gedruckten Bilder so beliebt sind? "Unser Kerngeschäft besteht darin, anderen Menschen zu helfen, ihre Emotionen zu bewahren." Emotionen, die nicht am Bildschirm oder im Internet-Album übermittelt werden könnten. "Die Bilder kann man greifen, blättern, fühlen", sagt Meß. Im Jahr 2014 wurden hier 159 Millionen Bilder und 873.000 Fotobücher gefertig. Jeder, der Kontakt zu Kunden hat, kann sie erzählen: die Geschichten, bei denen auch regelmäßig Tränen fließen. "Wenn Kinder aus mühsam zusammengesuchten Bildern das Leben ihrer Eltern in ein Buch binden, ist das für sie schon emotional", sagt Matthias Meß. Und das wenn möglich generationenübergreifend. 45 bis 50 Jahre sollen die Bücher halten, damit auch die Enkel noch was von den Erinnerungen haben.

1986 hat der Betrieb die Produktion in Mönchengladbach aufgenommen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Branche dramatisch gewandelt. Nicht jeder Konkurrent hat das unbeschadet überstanden, wie die Insolvenz von Kodak zeigt. "Die Saisonalität ist eine ganz andere als früher", sagt Meß. Während am ersten Tag nach den Sommerferien 1998 noch 178.000 Fotofilme in die Entwicklung gegeben wurden, waren es in diesem Jahr gerade einmal 11.000. Die Dunkelkammer zum Entwickeln der Filme hat längst ausgedient. Die angelieferten Rollen werden ausgelesen und dann digital verarbeitet. Der Großteil kommt aber längst als Bilddatei per Computer. "Während früher vor allem das postkartengroße Bild lief, sind es heute ganz andere Dinge", sagt Cremers. Individuell gestaltbare Bücher, Kalender, Tassen, Smartphoneschalen, Shirts, Taschen, Plüschtiere und vieles mehr.

Welche Motive am meisten verschenkt werden? "Das ist ganz unterschiedlich", sagt Lutz Cremers. "Landschaftsbilder, Fotos vom Urlaub oder der Familie. Eigentlich alles, von dem die Menschen irgendwie glauben, dass es einmal gedruckt werden müsste." Im Zweifel eben auch der schokoverschmierte Nachwuchs.

Quelle: RP
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