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Interview mit IW-Chef Michael Hüther
"Mehr Flüchtlinge nach Ostdeutschland leiten"

IW-Chef Michael Hüther: "Flüchtlinge nach Ostdeutschland leiten"
IW-Chef Michael Hüther erwartet von der Politik eine bessere Steuerung der Zuwanderungsströme. FOTO: IW
Düsseldorf. Der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft fordert die Politik auf, Flüchtlinge und Zuwanderer stärker nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes zu steuern. Er hält jährlich 500.000 Zuwanderer für verkraftbar. Antje Höning fasste das Gespräch zusammen. Von Antje Höning

Täglich kommen Tausende Flüchtlinge nach Deutschland. Verkraftet das Land das?

Hüther Natürlich. Die Flüchtlinge aufzunehmen, ist zunächst eine Frage der moralischen Verantwortung. Sie sind aber auch eine große Chance für Wirtschaft und Gesellschaft. Schon jetzt fehlen in vielen Branchen Auszubildende und Fachkräfte. Viele, die sich auf den Weg machen, können und wollen hier ihr Glück in die Hand nehmen.

Viele Deutsche reagieren offen auf die Flüchtlinge. Überrascht Sie das?

Hüther Die Offenheit ist nicht zuletzt eine Dividende des boomenden Arbeitsmarktes. Keiner muss wegen der Flüchtlinge um seinen Job fürchten – das war in den 90er Jahren ein schon damals falsches Argument von rechts gegen Zuwanderung. Sogar der Bundeshaushalt mit seiner schwarzen Null bietet derzeit genug Spielraum, um die Integration zu finanzieren. In einer wachsenden Wirtschaft gibt es weniger Verteilungskonflikte.

Geht die Politik vernünftig mit den Flüchtlingen um?

Hüther Für Flüchtlinge wie für Zuwanderung insgesamt gilt: Die deutsche Politik sollte beides besser steuern und die Menschen gezielter in Regionen leiten, die Zuwanderung dringend nötig haben. Das betrifft besonders Ostdeutschland. Hier sind fast 20 Prozent der Arbeitnehmer mit den Schlüsselqualifikationen der sogenannten MINT-Berufe (Mathe-Informatik-Naturwissenschaften-Technik) über 55 Jahre, gehen also absehbar in Ruhestand, ohne dass in vergleichbarem Umfang Nachwuchs bereitsteht. Und hier liegt der Anteil der Ausländer meist nur bei zwei Prozent. Viele ostdeutsche Regionen werden in zehn Jahren entvölkert sein, wenn die Politik jetzt nicht umsteuert.

Wie viel Zuwanderer wären sinnvoll für Deutschland?

Hüther Wir können bundesweit gut 500 000 Zuwanderer netto pro Jahr verkraften, wie das Jahr 2014 gezeigt hat. Damit liegen wir bezogen auf die Bevölkerung auf dem Niveau der Schweiz. Deutschland braucht Zuwanderer. Deutschland braucht aber auch ein transparentes Zuwanderungskonzept. Derzeit haben wir 50 Zuwanderungstitel, also offizielle Wege, um nach Deutschland zu kommen. Das ist bürokratisch und abschreckend für Ausländer, das politische Signal bleibt aus.

Viele werfen Zuwanderern vor, reine Armutsflüchtlinge zu sein.

Hüther Unsere Studien sprechen eine andere Sprache. Viele Zuwanderer sind hoch qualifiziert. Zehn Prozent aller erwachsenen Zuwanderer haben einen Hochschulabschluss in einem MINT-Fach. In der Gesamtbevölkerung Deutschlands sind es nur sechs Prozent.

Wie sieht ein vernünftiges Zuwanderungskonzept aus?

Hüther Unabhängig von der Frage des politischen Asyls muss sich das Zuwanderungsrecht am Bedarf des deutschen Arbeitsmarktes orientieren. Zusätzlich könnte ein Punktesystem wie in Kanada hilfreich sein. Zuwanderungsinteressierte könnten anhand ihres Alters, ihre Qualifikation, ihrer Sprachkenntnisse einfach ihre Punktzahl ermitteln und wüssten sofort, ob sie für eine Zuwanderung nach Deutschland in Frage kommen oder nicht. Entscheidend ist dann das Potenzial der Zuwanderer, nicht der Bedarf.

Die Arbeitsministerin will zur Kanalisierung der Balkan-Flüchtlinge nun länderspezifische Kontingente einführen. Was halten Sie davon?

Hüther Das ist nicht sinnvoll. Wir sollten die Zuwanderung nicht ad hoc und nach einzelnen Herkunftsländern steuern, sondern aus einem Guss – und dabei sowohl die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes im Blick behalten als auch die Potenziale der Zuwanderer.

Was sagen Sie zum Engagement der deutschen Firmen?

Hüther Die vielen Einzelaktionen wie Geld- und Sachspenden der Unternehmen sind löblich. Sie entlassen den deutschen Staat aber nicht aus der Verantwortung, ein Gesamtkonzept vorzulegen.

Quelle: RP
 
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