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Frauenquote umgesetzt
Jeder fünfte Dax-Aufseher ist eine Frau

Simone Bagel - mächtigste Frau der deutschen Wirtschaft
Simone Bagel - mächtigste Frau der deutschen Wirtschaft FOTO: RP/Andreas Bretz
Düsseldorf . Die großen Konzerne besetzen ihre Kontrollgremien immer häufiger mit Frauen. Mittlerweile sind gut 20 Prozent der Aufsichtsrats-Mitglieder weiblich. Das sind deutlich mehr als noch 2011. Headhunter sehen einen Trend. Von Juliane Kaelberlah

Ann-Kristin Achleitner hat Recht behalten. Die 47-jährige BWL-Professorin und Juristin sitzt in den Aufsichtsräten dreier Dax-Unternehmen - sie wacht über den Vorstand der Metro AG, des Rückversicherers Munich Re und des Industriegaskonzerns Linde. Und sie ist der festen Meinung, dort bald weibliche Verstärkung zu bekommen: "Ich glaube, dass die Welt in drei, vier Jahren ganz anders aussehen wird", orakelte sie 2011 im Hinblick auf den mageren Frauenanteil in Aufsichtsräten großer Konzerne.

Eine Auswertung der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) gibt ihr nun recht: Immer mehr Aufseher der 30 Dax-Konzerne sind Frauen. Anfang Juni waren 21,7 Prozent aller Aufsichtsräte weiblich, fand PwC heraus. Anfang 2011 lag der Frauenanteil noch bei lediglich 13,4 Prozent. Vor allem die Zahl der Frauen auf der Eigentümerseite hat zugenommen. Die Aktionäre stellen nun 44 weibliche Aufsichtsräte (17,6 Prozent) nach nur 20 zu Beginn 2011. Für die Arbeitnehmer sitzen inzwischen 62 Frauen (26,1 Prozent) statt zuvor 47 in den DAX-Aufsichtsräten.

Eine von ihnen ist Simone Bagel-Trah. 2010 übernahm die heute 44-Jährige, eine Ur-Ur-Enkelin von Henkel-Gründer Fritz Henkel, im Chemiekonzern den Vorsitz des Aufsichtsrates. Dass sie den 73-jährigen Patriarchen Albrecht Woeste ablöste, der zwei Jahrzehnte diesen Posten bekleidete, war nicht nur ein Ereignis, sondern eine Premiere: Bagel-Trah war die erste Frau, die den Aufsichtsrat eines Dax-Unternehmens führte - und ist bis jetzt die einzige geblieben. Heute hat Henkel unter den deutschen Dax-Unternehmen den höchsten Anteil weiblicher Führungspersonen.

Nachfrage nach Top-Managerinnen steigt

"Die Nachfrage nach Top-Managerinnen ist deutlich gestiegen", bestätigt "Frauen-Headhunter" Christian Böhnke, der sich seit 2007 mit seiner Agentur "Hunting Her" auf die Suche nach hoch qualifizierten Frauen für Führungsetagen spezialisiert hat. 28 der 30 Dax-Konzerne befolgten inzwischen die Empfehlung der Regierungskommission für gute Unternehmensführung ("Corporate Governance Kodex"). Fast alle Aufsichtsräte haben sich auf die Fahnen geschrieben, den Frauenanteil zu erhöhen. 18 Konzerne hätten die selbstgesteckten Ziele bereits erreicht. Nur die Aufsichtsräte des Medizintechnikunternehmens Fresenius SE und seines Tochterunternehmens Fresenius Medical Care sind immer noch frauenfreie Zonen.

Bis zum Jahr 2020, so plant es die Bundesregierung, sollen 30 Prozent der Mitglieder in den Aufsichtsräten Frauen sein. "Das ist ohne Probleme zu schaffen", sagt Heiner Thorborg, einer der erfolgreichsten deutschen Personalberater. Posten in den Aufsichtsräten seien bei Frauen begehrt - auch, wenn er das nicht verstehen kann: Im Vorstand könne man Unternehmen mitgestalten, im Aufsichtsrat nur kontrollieren. "Mit Karriere hat das meiner Meinung nach wenig zu tun." Sich bis in den Vorstand hochzuarbeiten, sei für viele Frauen aber schlicht nicht erstrebenswert, erklärt Thorborg.

Renate Köcher braucht keine Frauenquote: Die Meinungsforscherin und Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach kontrolliert gleich vier Dax-Konzerne: den Autobauer BMW, die Allianz, den Technologiekonzern Infineon und - eine echte Männerdomäne - den Lkw-Hersteller MAN. Ein überholtes Frauenbild vieler Menschen hält die 60-Jährige für ein großes Hemmnis auf der Karrieleiter, die Quote aber lehnt sie als "planwirtschaftlich" ab.

Personalberater Christian Böhnke hält die Quote mittlerweile für negativ besetzt. Als Zielvorgabe könne sie zwar in Unternehmen wichtig sein, "wo verkrustete Strukturen faire Aufstiegschancen verhindern", sagt der Personalberater. "In Firmen, in denen die Gründe für einen geringen Frauenanteil anders liegen, bringt sie aber wenig."

"Der Grund, weshalb ein Unternehmen mehr Frauen in seinen Aufsichtsrat holt, darf nicht sein, dass man Quoten-Vorreiter sein will", sagt Kollege Thorborg. "Unternehmen müssen sehen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind und sich betriebswirtschaftlich rechnen."

(RP/felt/hüls)
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