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Gastbeitrag Justus Haucap
Kunde profitiert von Kaiser's-Einigung

Kaiser's Tengelmann: Kunde profitiert von Einigung - Gastbeitrag
Justus Haucap: "Im Vergleich zur Übernahme von Monsanto durch Bayer für 66 Milliarden Euro wirken 250 Millionen Euro fast lächerlich wenig" FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Die Mitarbeiter von Kaiser's Tengelmann können endlich aufatmen, meint Justis Haucap in einem Gastbeitrag. Der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor ist optimistisch, dass der Wettbewerb gestärkt wird.

Die Märkte in Berlin sollen größtenteils an Rewe abgegeben werden, die Märkte in Berlin sowie im Rheinland und Ruhrgebiet wohl an Edeka. Die Jobs sollen für mindestens sieben Jahre erhalten bleiben. Weniger klar ist noch, was mit den Mitarbeitern in der Zentrale am Standort Mülheim genau passiert. Aber hier arbeiten primär gut ausgebildete Fachkräfte in Management und Verwaltung, die ohne große Schwierigkeiten neue Jobs finden sollten.

Aber geschieht das Ganze womöglich auf Kosten der Verbraucher?

Ich bin optimistisch, dass es nicht so kommen wird und - im Gegenteil - der Wettbewerb im Lebensmittelhandel durch die nun gefundene Lösung im Großen und Ganzen sogar gestärkt wird, der Verbraucher also ebenfalls profitiert. Kaiser's Tengelmann war schon lange keine wettbewerbsfähige Supermarktkette mehr. Preislich wurden die Märkte nicht nur von Aldi und Lidl unterboten, sondern regelmäßig auch von Rewe und Edeka. Innovationen und Investitionen in die Filialen sind ausgeblieben, wettbewerbliche Impulse von Kaiser's Tengelmann kaum noch ausgegangen.

Mehr Aufmerksamkeit als angemessen

Durch die Umwandlung in Rewe- beziehungsweise Edeka-Märkte wird wieder investiert. Auch die Kostennachteile, die Kaiser's Tengelmann bei Logistik, Marketing, Verwaltung und Einkauf aufgrund der fehlenden Größe hat, verschwinden durch die Übernahme. Rewe und Edeka können diese Kosten auf einen fast zwanzigfachen Umsatz umlegen und ihre Größenvorteile ausspielen. Diese Kosteneinsparungen sowie die Bereitschaft von Edeka und Rewe, in die Märkte zu investieren, werden die jetzigen Kaiser's-Märkte wieder wettbewerbsfähig machen. Hinzu kommt die genossenschaftliche Organisation: In den von selbstständigen Kaufleuten inhabergeführten Märkten gibt es wesentlich größere Freiheiten, das Sortiment speziell auf die besonderen Kundenbedürfnisse vor Ort abzustimmen. Die Kunden honorieren dies.

Insgesamt gesehen entspricht die starke politische und auch mediale Resonanz, welche der Verkauf von Kaiser's Tengelmann gefunden hat, weder der gesamtwirtschaftlichen noch der wettbewerblichen Bedeutung der Supermarktkette. Der Kaufpreis von rund 250 Millionen Euro ist schon ein Indikator: Im Vergleich zur Übernahme von Monsanto durch Bayer für 66 Milliarden Euro wirken 250 Millionen Euro fast lächerlich wenig. Auch der Marktanteil von Kaiser's Tengelmann von deutschlandweit deutlich unter zwei Prozent lässt nicht darauf schließen, dass mit der Übernahme das Ende der Marktwirtschaft eingeläutet wird.

Faktisch wächst die Edeka-Gruppe ohnehin Jahr für Jahr um nahezu die Größe der gesamten Unternehmensumsätze von Kaiser's Tengelmann. Und allein im vergangenen Jahr hat Edeka 10.700 neue Arbeitsplätze geschaffen. In rund zwei Jahren werden bei Edeka aktuell mehr Arbeitsplätze geschaffen als bei Kaiser's Tengelmann überhaupt verloren gehen können.

Ein Großteil der Aufregung könnte daher bei einem nüchternen Blick auf einige Fakten unterbleiben. Gleichwohl bleibt die Frage, ob eine Einmischung der Politik in Wettbewerbsfragen mit dem Instrument der Ministererlaubnis sinnvoll ist. Es mag überraschend klingen, aber gerade die Ministererlaubnis sichert als politisches Ventil die weltweit einzigartige Unabhängigkeit des Bundeskartellamtes.

Die realistische Alternative zum Instrument der Ministererlaubnis dürfte nämlich nicht ein noch unabhängigeres Kartellamt sein, sondern vielmehr eine wesentliche stärkere und auch weniger transparente Beeinflussung von Kartellamtsentscheidungen in laufenden Verfahren, so wie es in vielen anderen Ländern und auch bei der Europäischen Kommission zu beobachten ist. In über 40 Jahren ist bisher neun Mal eine Ministererlaubnis erteilt worden, teils sogar auf Empfehlung der Monopolkommission hin. Ein überbordender Missbrauch des Instruments sähe wohl anders aus. Dass die Politik in (bisher neun) Einzelfällen auch andere Ziele über den Schutz des Wettbewerbs stellt, muss man in einer Demokratie aushalten können.

Der Autor ist Professor für Wettbewerbsökonomie in Düsseldorf und war von 2008 bis 2012 Vorsitzender der Monopolkommission.

Quelle: RP
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