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Hannover
Kleinanleger scheitern an Wolfsburger "Filzokratie"

Hannover. Bei der Hauptversammlung proben Kleinanleger den Aufstand. Doch zu mehr als einem Denkzettel reicht es nicht - zu groß ist die Macht der Familien Piëch und Porsche. Von Florian Rinke

Bevor Hans Dieter Pötsch mit seiner Rede beginnt, gibt er noch ein paar allgemeine Hinweise: Wer den Saal verlassen wolle, sollte doch bitte keine Rucksäcke und Taschen allein zurücklassen, aus Sicherheitsgründen, sagte der Aufsichtsratschef von Volkswagen. Der Autokonzern hatte in den vergangenen Monaten so viele negative Schlagzeilen produziert und viele so verärgert - da weiß man ja nie. Vorsorglich hatte Volkswagen die Sicherheitsmaßnahmen daher verstärkt. "Wir sind sicherlich etwas gründlicher gewesen", sagte ein Sprecher.

Schon vor Beginn der Hauptversammlung hatte es vor der Messe Hannover Proteste gegen VW gegeben, auf der Bühne ging es dann während der Veranstaltung weiter. Als Erster tritt Manfred Klein auf, ein Kleinaktionär, der bekannt ist für seine scharfe Wortwahl. "Hier wurde ohne rot zu werden gelogen und betrogen", brüllt er denn auch gleich ins Mikrofon. Er meint den Abgasskandal, bei dem bei Millionen Fahrzeugen des Konzerns eine Schummelsoftware eingebaut wurde. Nach fünf Minuten wird ihm das Mikrofon abgestellt - es gibt so viele Redner, dass die Zeit begrenzt werden musste. Aber Klein lässt sich nicht abwimmeln, um kurz vor 18 Uhr tritt er erneut ans Mikrofon.

Auch die Entschuldigungen von Aufsichtsratschef Pötsch und Konzernchef Matthias Müller halfen nicht, die Situation zu beruhigen. Selbst die gute Nachricht aus Sicht von VW, dass rund eine Million weiterer vom Abgas-Skandal betroffener Fahrzeuge nun zurückgerufen werden, ging im ganzen Tumult beinahe unter. Nach der Freigabe durch das Kraftfahrt-Bundesamt dürfen nun unter anderem alle Varianten des Golf, aber auch die Modelle Passat, Tiguan und Caddy sowie der Seat Exeo, der Skoda Superb sowie der Audi A3, A4 und Q5 in die Werkstatt.

Doch die Zweifel der Aktionäre sind grundsätzlich - und sie richten sich auch gegen den Chef-Aufseher Hans Dieter Pötsch.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte Anfang der Woche bekanntgegeben, dass man nun auch gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn ermittele. Wenig später sickerte durch, dass auch VW-Markenvorstand Herbert Diess ins Visier der Fahnder geraten ist. Auslöser soll eine Anzeige der Finanzaufsicht Bafin gewesen sein. Doch die richtete sich nicht nur gegen die beiden, sondern eigentlich gegen den gesamten Vorstand - und damit auch gegen Pötsch. Der war im September 2015 noch nicht Aufsichtsratsvorsitzender, sondern Finanzvorstand. Als solcher wäre es eigentlich seine Aufgabe gewesen, die Anleger frühzeitig über die Ermittlungen zu unterrichten. Tat er aber nicht.

Stattdessen stand Pötsch gestern auf der Bühne in der Messe Hannover und leitete als Aufsichtsratsvorsitzender die Hauptversammlung. Warum gerade Pötsch? Weil dieser ohne jeden Zweifel für den Posten qualifiziert sei und außerdem das Vertrauen der Großaktionäre genieße, sagt IG-Metall Chef Jörg Hofmann, der gleichzeitig Aufsichts-rats-Vize bei VW ist. Die Großaktionäre, die Porsches und Piëchs, haben Pötsch, der als enger Vertrauter gilt, auf den Posten gehievt, dort soll er bleiben.

Da ändert es auch nichts, dass Kleinanleger den Aufstand probten. Sie forderten Pötschs Abwahl als Versammlungsleiter - ohne Erfolg. Der Antrag erhielt 0,02 Prozent der Stimmen, gleichbedeutend mit 45.463 Stammaktien. Mit Nein stimmten die Inhaber von 272.580.182 Stammaktien. Sie befinden sich zum Großteil im Besitz der Holding der Familien Porsche und Piëch (52 Prozent der Stammaktien), des Landes Niedersachsen (20 Prozent) und des Emirats Katar (17 Prozent).

VW basiere auf einer "Filzokratie", bei der sich das Land Niedersachsen, der VW-Betriebsrat, das Management und die Großaktionärsfamilien Porsche und Piëch gegenseitig Vorteile zuschöben, schimpfte Markus Dufner vom Dachverband Kritischer Aktionäre. Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz warf der VW-Führung kollektives Versagen vor: "Wir stehen vor einem Trümmerhaufen."

Quelle: RP
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