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China
Kommt bald die "Deutsche Stahl AG"?

China. Die Preise für Eisenerz sind explodiert. Aber die deutsche Stahlwirtschaft kann ihre Kosten kaum noch an die mächtige Automobilindustrie weiterreichen. Als Antwort auf die Branchenkrise wird bereits eine nationale Not-Fusion diskutiert. Von Thomas Reisener

ThyssenKrupp musste innerhalb weniger Monate den halben Konzernvorstand, den Aufsichtsratschef und mehrere Dutzend weitere Manager auswechseln. Die Personalrochaden des angeschlagenen Dax-Riesen lenken den Blick auf die Krise der Stahlwirtschaft, die in den 1950er Jahren noch Rückgrat des Wirtschaftswunders war. Konjunkturelle und strukturelle Probleme machen ihr auch jenseits von ThyssenKrupp inzwischen so sehr zu schaffen, dass über eine nationale Notfusion der Stahlbereiche von ThyssenKrupp und Salzgitter diskutiert wird. Angeblich gibt es in den Chefetagen schon Blaupausen – teilweise sollen auch kleinere deutsche Hersteller und die österreichische Voestalpine mit in das Planspiel einbezogen sein.

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger brachte die Situation unlängst bei einem Gespräch mit Journalisten der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung (WPV) auf den Punkt: "Momentan sind wir der einzige Anbieter in Europa mit einer schwarzen Null." Im ersten Quartal schaffte der deutsche Marktführer mit seinen heimischen Stahlwerken nur noch ein Betriebsergebnis (Ebit) von 29 Millionen Euro. Gemessen am Umsatz von 2,3 Milliarden Euro ist das fast nichts.

ThyssenKrupp will im europäischen Stahlgeschäft 2000 Stellen abbauen, 1000 davon alleine in Duisburg. Vom traditionsreichen Edelstahl-Geschäft mit Werken in Krefeld und Bochum hat der Konzern sich 2012 schon getrennt. Salzgitter wies im jüngsten Neun-Monats-Bericht für den Stahl einen Vorsteuer-Verlust von 149 Millionen Euro aus. Bei den übrigen deutschen Klein-Produzenten wie der Saarstahl, der Dillinger- und der Georgsmarienhütte sehen die Zahlen kaum besser aus.

Branchenkenner halten die Lösung "Deutsche Stahl AG" trotzdem für problematisch. Selbst bei einer bundesweiten Fusion wären die Hersteller im internationalen Vergleich noch zu klein für ausreichende Größenvorteile. Außerdem schlössen sich mit Salzgitter und ThyssenKrupp ausgerechnet zwei Anbieter mit hohen Kosten zusammen, die zudem wegen der Emissionspolitik in Europa auch noch gemeinsam dem Risiko stark steigender Stromkosten ausgesetzt sind. Und schließlich würde die Autoindustrie als wichtigster Abnehmer der Salzgitter- und ThyssenKrupp-Stähle sich das Quasi-Monopol einer "Deutschen Stahl AG" kaum bieten lassen und nach anderen Anbietern suchen.

Aber dass diese Idee trotzdem diskutiert wird, zeigt die prekäre Situation der Branche. Die wird von drei Problemen gequält:

Die Erzpreise haben sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht. Ein Grund ist die Stärke der Anbieter: Weltweit steht eine kleine Zahl von Minenbetreibern einer großen Zahl von Stahlunternehmen gegenüber. Speziell die europäischen Stahlkonzerne leiden zudem unter vergleichsweise hohen Personal- und Energiekosten.

Wichtigster Abnehmer für hochwertige Stähle ist die Autoindustrie. Der Anteil des Stahls im Automobilbau ist aber rückläufig – je nach Modell und Marke innerhalb der vergangenen Jahre um bis zu zwölf Prozent. Hintergrund sind die Fortschritte konkurrierender Kunststoffe, die immer leichter und stabiler werden. Außerdem stellen Autokonzerne wie etwa der Gigant Volkswagen eine Einkaufsmacht dar, die den Stahlherstellern die Preise vorschreiben kann. Für VW etwa muss ThyssenKrupp sogar seine Kostenstruktur offenlegen.

Verschärft wird die Krise der europäischen Anbieter durch eine seit Jahren anhaltende Angebotsschwemme aus China. War es zunächst nur die Masse, die die Preise für Billigstähle verdarb, schrumpft inzwischen auch der Qualitätsabstand. Während die Rohstahlproduktion in China im vergangenen Jahr um 3,1 Prozent gestiegen ist, brach sie in Europa um 4,7 Prozent ein. Fast die Hälfte der weltweiten Rohstahlproduktion kommt inzwischen aus China. Europa trägt kaum noch ein Zehntel bei.

Vor 30 Jahren waren in der deutschen Stahlindustrie 288 000 Menschen beschäftigt. Inzwischen sind es nur noch 88 000. "Deutsche Stahl AG" hin oder her: Ihnen stehen schwere Zeiten bevor.

Quelle: RP
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