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Analyse
Konzernfassade mit tiefen Rissen

Essen. Vor drei Jahren noch steckte Thyssenkrupp in einer existenziellen Krise. Einiges hat sich seither getan, doch viele gravierende Probleme sind nach wie vor ungelöst. Nun könnte der aggressive Investor Cevian seinen Einfluss ausbauen. Von K. Bialdiga und M. Plück

In kaum einer Branche gibt es so viele Netzwerke altgedienter Manager wie in der Stahlindustrie. Die einen treffen sich zum Tontaubenschießen im Ruhrgebiet, die anderen zur Jagd in ausgedehnten Ländereien, wieder andere bevorzugen reichliches Essen und Trinken im luxuriösen Ambiente eines Amsterdamer Nobelhotels. So unterschiedlich die Orte ihrer Zusammenkünfte auch sein mögen, ein Thema kommt dabei früher oder später stets zur Sprache: die Lage des einst so stolzen Ruhrkonzerns Thyssenkrupp.

Drei Jahre ist es her, da stand Thyssenkrupp wegen spektakulärer Fehlplanungen in Amerika und dem missglückten Verkauf der Edelstahltochter am Rande des Ruins. Heute schreibt der Essener Konzern wieder schwarze Zahlen, der Aktienkurs steigt stetig, und auch das Skandalwerk in Brasilien ist endlich auf dem richtigen Weg. Von Krise mag im Konzern kaum noch jemand sprechen. Die Ergebnisziele für das laufende Jahr, so heißt es in Konzernkreisen, würden mehr als erfüllt.

Es ist, als würden sie bei Thyssenkrupp ausblenden, dass viele gravierende Probleme nach wie vor ungelöst sind. Dabei ist die Konzernbilanz besorgniserregend schwach, die Zukunftsperspektiven in wichtigen Geschäften wie Stahl oder Anlagenbau sind zweifelhaft. Gleichzeitig baut der schwedische Finanzinvestor Cevian seinen Einfluss aus. Und als Heinrich Hiesinger Anfang 2011 Vorstandschef wurde, versprach er, den Stahlhersteller zu einem modernen Technologiekonzern umzubauen. Eingelöst hat er das noch nicht. Stahl sowie Stahl- und Werkstoffhandel tragen immer noch deutlich mehr als ein Drittel zum Konzernumsatz bei.

Wer Hiesinger und seinen Finanzchef Guido Kerkhoff in diesen Tagen erlebt, trifft auf zwei Manager unter Anspannung. Auf der Quartalskonferenz am 11. August verscherzte es sich Kerkhoff mit mächtigen Betriebsräten, weil er ihre Arbeitsplatzsorgen bei einem möglichen Zusammengehen mit dem indischen Stahlhersteller Tata Steel mit diesem Satz vom Tisch wischte: "Man muss auch einmal eine Periode einer gewissen Unsicherheit aushalten können." Auch eine weitere Aussage könnte ihm noch Probleme bereiten. "Thyssenkrupp plant keine Kapitalerhöhung", sagte Kerkhoff selbstbewusst. Der Konzern sei solide durchfinanziert und müsse bei auslaufenden Finanzierungen nicht zwangsläufig Banken oder den Kapitalmarkt in Anspruch nehmen. Dass er zu jenem Zeitpunkt eine Kapitalerhöhung so deutlich ausschloss, wunderte manchen Beobachter. Denn Thyssenkrupp hat eine äußerst niedrige Eigenkapitalquote von weniger als acht Prozent, üblich sind bei vergleichbaren Dax-Konzernen 20 bis 30 Prozent. "Thyssenkrupp braucht dringend eine Kapitalspritze", sagt etwa Christian Obst, Analyst bei der Baader Bank, auch wenn der Konzern solide durchfinanziert und die Liquidität gesichert sei.

"Über eine Kapitalerhöhung gehen aber die Meinungen auseinander", heißt es in informierten Kreisen. Die Anteilseigner im Aufsichtsrat seien sich in dieser Frage bisher nicht einig. Aufseiten der Arbeitnehmer gibt es Stimmen, die eine Kapitalerhöhung befürworten, um den Konzern wieder auf solidere Füße zu stellen.

Ein Konzernsprecher bekräftigte gestern: "Thyssenkrupp plant keine Kapitalerhöhung. Wir sehen da keinen Bedarf - einerseits auf Grund der Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte des Geschäftsjahres, andererseits weil es in allen Geschäftsbereichen entsprechende Programme zur Leistungssteigerung und weiteren Transformation gibt." Diese Strategie werde vom Aufsichtsrat gestützt.

Eine Kapitalerhöhung hätte wohl gravierende Folgen für den Konzern - und auf mittlere Sicht für die Zukunft des Ruhrgebiets. Denn Cevian, nach eigenen Angaben mit knapp unter 20 Prozent an Thyssenkrupp beteiligt, könnte dann seinen Einfluss ausweiten und die Krupp-Stiftung weiter zurückdrängen, die noch gut 23 Prozent der Aktien hält. Cevian ist ein aktivistischer Investor, beim Energietechnikkonzern ABB fordert er gerade die Aufspaltung. Bei Bilfinger betrieb Cevian die Zerschlagung des Baukonzerns.

Davon ist Cevian bei Thyssenkrupp weit entfernt, dort müssen die Schweden vorerst mit einem einzigen Aufsichtsratsmandat vorlieb nehmen. Erfolge wollten sie gleichwohl sehen, sagen einige, die mit ihnen im Konzern schon zu tun hatten. "In den Investorenrunden fragen sie nach, wollen sehr genau wissen, wie solide etwa eine Wachstumsstory ist", sagt ein Manager.

Auch zu den neuesten, noch unveröffentlichten Geschäftszahlen dürften den Schweden einige Fragen einfallen. Das Geschäftsjahr ist am 30. September zu Ende gegangen, und wie es aussieht, steht es nicht überall zum Besten. Zwar ist Insidern zufolge ein passables Ergebnis zu erwarten. In einigen Sparten, insbesondere im Anlagenbau, sehe es aber mau aus. Wichtige Aufträge hätten sich verzögert. Jetzt soll der Anlagenbau restrukturiert werden.

Ein Umbau steht auch dem Stahl bevor. Im Frühjahr 2017 soll feststehen, welche Werke geschlossen werden. Entsprechend groß ist die Wut der Arbeitnehmer. "Wenn Herrn Hiesinger nichts anderes einfällt, als dauernd den Stahl aus dem Konzern herausreden zu wollen, dann kann das nicht mehr unser Mann sein", sagt Stahl-Betriebsratschef Günter Back.

Für das Ruhrgebiet, wo Thyssenkrupp rund 31.000 Beschäftigte hat, wäre das ein weiterer Tiefschlag. "Wenn ein Arbeitsplatz in der Stahlbranche verloren geht, hängen daran mindestens drei weitere in anderen Branchen", rechnet Roland Döhrn vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI vor. Zumal die Stahlarbeitsplätze besonders wertvoll seien, weil gut bezahlt: "Um im Hinblick auf Kaufkraft einen Stahlarbeiter zu ersetzen, braucht es beispielsweise wohl zwei bis drei Krankenpfleger."

Doch viele von Thyssenkrupps grundlegenden Problemen kann Analyst Obst zufolge auch eine Sanierung des Stahlgeschäfts nicht komplett lösen. So ist es dem Konzern in den vergangenen zehn Jahren nur in einem einzigen Geschäftsjahr gelungen, mehr einzunehmen als auszugeben. Viele Hoffnungen richten sich nun auf die indische Tata. Seit dem Brexit allerdings gibt es einige Fragezeichen, ob die Zusammenlegung der Stahlgeschäfte beider Konzerne in Europa gelingen kann. Dazu müsste wohl die britische Regierung Tata bei der Sanierung jener maroden Werke auf der Insel, an denen Thyssenkrupp nicht interessiert ist, zu Hilfe kommen. Ein Insider beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die Fusion zustande kommt, aktuell auf etwa 50 zu 50.

Quelle: RP
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