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Düsseldorf
Krämer der Zukunft

Düsseldorf. Das Internet verwandelt den Handel radikal. Nicht alle Unternehmen werden überleben. Doch chancenlos sind die alteingesessenen Kaufleute gegen den Handel im Netz nicht. Von Florian Rinke

Im Grunde gehört er ins Museum und nicht ins Kinderzimmer - der Kaufmannsladen. Generationen von Kindern haben schon mit ihm gespielt. Sie haben Miniaturausgaben von Lebensmitteln fein säuberlich auf den Regalbrettern aufgereiht, die Kasse auf der Holztheke aufgebaut und "Bitte sehr" gesagt, wenn die Nachbarskinder als Kunden vorbeischauten.

Die Realität sieht längst anders aus: Statt Krämerläden gibt es Einkaufszentren, in denen sich Filialisten wie H&M, Zara und Tom Tailor tummeln; es gibt Online-Shops wie Zalando und Amazon, die ihre Kunden aus riesigen Logistikzentren beliefern - und es gibt schon jene, die die Verschmelzung der Welten vorleben und das Multi-Channel nennen.

Der Kaufmannsladen hat in dieser Welt genauso ausgedient wie das Kaufhaus und der Wochenmarkt. Beherrscht wird die Handelswelt der Zukunft stattdessen von großen Ketten, die in ausgewählten Städten um die besten Standorte konkurrieren. Einzelhändler, die ihren eigenen Laden betreiben, werden hingegen zu Exoten, weil kein kleiner Unternehmer in der Lage sein wird, die Investitionen zu stemmen, die nötig sind, um dem Kunden ein Einkaufserlebnis über die Fußgängerzone hinaus zu bieten. Doch das wird nötig sein, glauben Experten wie Wolf Wagner von der Unternehmensberatung EY: "Der Konsument denkt nicht in Kanälen, sondern in Gelegenheiten." Als Marke müsse man genau überlegen, in welchen Kanälen man Präsenz zeige.

Der Handel der Zukunft, da sind sich die Experten sicher, wird daher eine Mischung aus On- und Offline-Geschäft sein - bei dem jedes Unternehmen die eigenen Schwerpunkte selbst definieren muss. Kai Hudetz, Geschäftsführer beim Kölner Institut für Handelsforschung, geht zwar nicht von einer generellen Verödung der Innenstädte aus -doch der Wettbewerb zwischen den Standorten werde immer härter. Gewinner dieser Entwicklung dürften die Innenstädte von Köln oder Düsseldorf sein, Verlierer eher kleinere Orte. "Große Städte werden das Erlebnis beim Einkauf betonen, kleinere Orte übernehmen noch mehr als heute die Nahversorgungsfunktion", sagt Kai Hudetz.

Ein Grund: Schon jetzt gibt es in NRW zu viel Handelsfläche. Die Umsätze pro Quadratmeter sinken. Hier ein Baumarkt, dort ein Supermarkt und wenn das nicht hilft ein Einkaufszentrum - dieses Konzept scheint überholt. "Wir werden das Ende der Shopping-Center-Expansion erleben, weil sich das Konsumentenverhalten geändert hat", sagt Hudetz: "Auch bei Factory Outlets haben wir den Höhepunkt vermutlich erreicht."

Stattdessen werden in den kommenden Jahren reihenweise Läden schließen müssen, weil sie dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten können. "Bis 2020 werden 20 Prozent der aktuellen Shopping-Fläche überflüssig", prognostiziert Wolf Wagner. Und die verbleibende Fläche werde anders genutzt: "Dort werden weniger Transaktionen stattfinden, sondern vielmehr Interaktion und Information."

Die Läden, davon geht Wagner aus, werden immer mehr zur Präsentationsfläche: Weniger Produkte, dafür Terminals, an denen sich Kunden informieren können, vielleicht sogar digitale Spiegel, an denen man verschiedene Kleidergrößen, -farben und -schnitte anprobieren kann. Anschließend wird die Ware mit dem Handy bezahlt und nach Hause geliefert. Nur hin und wieder würde man mit einer Tüte noch den Laden verlassen.

Das Tempo dieser Entwicklungen diktiert nicht mehr der Kaufmann, sondern der Kunde, denn der wird immer selbstbewusster. Mit dem Smartphone kann er Preise in Echtzeit vergleichen. Wenn der Service nicht stimmt, ist der nächste Shop nur einen Klick weit entfernt. Zwar werde es beim Online-Handel in den kommenden Jahren weiterhin zweistellige Zuwachsraten geben, sagt Kai Hudetz - alles dominieren werde er jedoch nicht: "2020 wird es keine Branche geben, in der der Online-Anteil bei mehr als 50 Prozent liegt", prognostiziert der Forscher.

Kleine Händler kommen in dieser Welt praktisch nicht mehr vor. "Online-Handel erfordert eine starke Marke, die man findet und auch finden möchte", sagt Wolf Wagner. Überleben kann nur, wer das Vertrauen der Kunden genießt. Zuletzt warb der Präsident des Handelsverbandes NRW, Michael Radau, daher für mehr Initiative unter den Händlern: "Setzen Sie konsequenter auf Beratung, laden Sie zielgruppenorientiert ein, stellen Sie individuelle Outfits für Ihre Kunden zusammen oder bieten Verkostungen an, halten Sie Rezepte bereit, liefern Sie aus, was schwer oder unbequem zu tragen ist. Lebenshilfe in jeder Form wird durch Wiederkommen honoriert." Andernfalls droht das Schicksal des Kaufmannsladens.

Quelle: RP
 
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