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Duisburg
Kunststoff und Dünger aus Hüttengas

Duisburg. Mit "Carbon2Chem" wollen Forscher und Industrie ein klimafreundliches Verfahren entwickeln.

Für den Duisburger gehören die rauchende Schlote von Thyssenkrupp zu seiner Stadt wie die Gehry-Bauten zu Düsseldorf oder der Dom zu Köln. Bei der Stahlproduktion entstehen nach Konzernangaben zwei Millionen Kubikmeter Hüttengas in einer Stunde. Damit fällt an einem Tag eine Menge an, mit der sich rund 150-mal der Gasometer Oberhausen füllen ließe.

Doch angesichts der Klimaziele, die sich die Welt Ende 2015 in Paris gegeben hat, und der drohenden Verschärfungen beim CO2-Zertifikate-Handel steigt der Druck auf die großen Klimagas-Emittenten. Vor allem die Stahlbranche steht vor einem Problem: Bei ihrer Produktion sind CO2-Emissionen unvermeidbar. Bleiben zwei Varianten: entweder der völlige Verzicht auf die Stahlproduktion - was nach Berechnung des Prognos-Instituts wegen eines Domino-Effekts in anderen Branchen hierzulande bis zu 380.000 Jobs kosten könnte.

Oder aber man macht aus der Not eine Tugend: "Carbon2Chem" heißt das gestern vorgestellte Projekt, für das Thyssenkrupp, Covestro, Evonik, BASF, Akzonobel, Linde, Clariant, Volkswagen und Siemens etwa 100 Millionen Euro bis 2025 investieren wollen. Mit dem Fraunhofer-Insitut, dem Max-Planck-Institut und verschiedenen Hochschulen soll ein Verfahren entwickelt werden, mit dem die Abgase der Hochöfen künftig zur Herstellung von Vorprodukten für Kraftstoffe, Kunststoffe oder Dünger verwendet werden. Geplant ist, 20 Millionen Tonnen des jährlichen CO2-Ausstoßes der Stahlbranche wirtschaftlich nutzbar zu machen.

Eine Hürde auf dem Weg zur klimaneutralen Hütte ist aber der für die Gewinnung von Wasserstoff nötige Energiebedarf. "Carbon2Chem" benötigt laut Robert Schlögl, Direktor des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft, so viel Energie, wie die Deutsche Bahn in einem Jahr verbraucht. Um einen klimaneutralen Effekt zu bekommen, muss der Strom aus erneuerbaren Energieträgern stammen - entsprechende Kapazitäten müssten noch gebaut werden.

Thyssenkrupp will zunächst in Duisburg für 30 Millionen Euro ein Technikum bauen, zu dem alle Projektpartner Zutritt haben, und in dem in einem ersten Schritt die Hüttengase analysiert werden sollen. Bis zur Marktfähigkeit rechnen die Projektteilnehmer mit zehn bis 15 Jahren. Angesichts der aktuellen Bedrohungen - wie Billig-Stahl aus China und die drohende Verteuerung der Zertifikate - ein Zeitraum, der überbrückt werden muss. Und so wird es Hiesinger wohlwollend gehört haben, dass Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gestern zusätzlich zu der Forschungsförderung von 60 Millionen Euro ermunternde Worte im Gepäck hatte: "Die Stahlproduktion muss weiterhin eine hohen Stellenwert haben", sagte Wanka. "Wir wollen größter Stahlproduzent Europas bleiben."

(maxi)
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