| 10.32 Uhr

Leverkusen
Leidet jetzt Bayers Pharmageschäft?

Leverkusen. Analysten fürchten, dass die Sparte nach dem Monsanto-Deal ins Hintertreffen gerät.

Die Übernahme von Monsanto durch Bayer stößt auf viel Kritik. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) stufte die Note für die Kreditwürdigkeit für den US-Konzern herab (auf "BBB"). Das schwierige Geschäftsumfeld werde sich mindestens ein Jahr lang nicht bessern, hieß es zur Begründung. Bayer droht ebenfalls eine Herabstufung. S&P hatte die Pläne bereits im Mai kritisch genannt. Finanzielle Risiken sieht auch die Ratingagentur Fitch: Der Kaufpreis liege nun höher angenommen, teilte Fitch mit. Eine schlechtere Rating-Note bedeutet, dass die Konzerne höhere Kreditzinsen zahlen müssen. Nach monatelangem Ringen hatte Bayer die Übernahme für 59 Milliarden Euro perfekt gemacht. Es ist der größte Zukauf eines deutschen Unternehmens überhaupt.

Experten und Investoren fürchten auch, dass durch den Deal das traditionsreiche Pharmageschäft ins Hintertreffen gerät. "Der Aufwand für die Integration von Monsanto könnte dazu führen, dass das Pharmageschäft vernachlässigt wird", sagt Greg Herbert von der Fondsgesellschaft Jupiter Asset Management, die zu den 30 größten Bayer-Investoren gehört.

Vor allem für größere Zukäufe im Arzneimittelbereich dürfte den Leverkusenern das Geld fehlen. "Nach dem Monsanto-Deal wäre es weitgehend ausgeschlossen, dass Bayer über die nächsten zwei bis drei Jahre die finanzielle Flexibilität für Zukäufe im Pharmabereich behält", sagt Fondsmanager Markus Manns von Union Investment.

Bayer-Chef Werner Baumann versucht, diese Bedenken zu zerstreuen. Das Pharmageschäft werde unter dem Milliardenzukauf nicht leiden und zugunsten des Agrargeschäfts vernachlässigt werden, hatte er bereits im Mai gesagt. "Wir werden auch künftig unser Pharmageschäft weiter entwickeln." Vor allem Produkte im frühen oder mittlerem Stadium der klinischen Entwicklung sollen vorangetrieben werden. Denkbar sind auch ergänzende Zukäufe oder Allianzen. Versprechen, an denen sich Baumann wird messen lassen müssen. "Bayer muss da jetzt auch liefern, dass keine Kürzungen kommen", sagt Analyst Ulrich Huwald von MM Warburg. Immerhin: 4,5 Milliarden Euro will Bayer dieses Jahr in Forschung und Entwicklung stecken, 58 Prozent davon ins Pharmageschäft.

Analysten haben dennoch Zweifel. Zwar hat Bayer seit 2009 fünf neue Medikamente auf den Markt gebracht, die wie der Blutgerinnungshemmer Xarelto Milliardenumsätze erzielen. Der Nachschub an neuen Medikamenten in der Pipeline mit vergleichbarem Potenzial sei aber dünn, urteilen die Analysten der Deutschen Bank.

Zum großen Schlag im Pharmageschäft hatte Bayer vor zehn Jahren mit der 17 Milliarden Euro schweren Übernahme des Berliner Arzneimittelherstellers Schering ausgeholt. Vor zwei Jahren hatten die Leverkusener ihr Gesundheitsgeschäft weiter ausgebaut und für 11 Milliarden Euro das Geschäft mit rezeptfreien Arzneien vom US-Konzern Merck übernommen. Viele Investoren hatten Bayer deshalb als Pharma-Investment gesehen. Diese dürften sich nun verabschieden. Mit der Übernahme von Monsanto werde Bayer wieder ein Stück mehr zum Mischkonzern, sagt Manns.

Und die Mitarbeiter? Am Sitz der Bayer-Pharmazentrale in Berlin herrscht Schweigen. Dort haben die Beschäftigten offenbar einen Maulkorb verpasst bekommen. Befragt nach der Stimmung am Standort wollten sie sich nicht äußern - es sei ihnen verboten worden, über die Monsanto-Übernahme zu sprechen, sagte mehrere Mitarbeiter.

(rtr)
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