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Wolfsburg
Winterkorn soll Trickserei gedeckt haben

Das ist Martin Winterkorn
Das ist Martin Winterkorn FOTO: dpa, ude arc lof
Wolfsburg. Der frühere VW-Chef soll die Abgas-Manipulationen frühzeitig gekannt haben. Ende Juli 2015 sei er von Entwicklern über illegale Software unterrichtet worden, erst zwei Monate später räumte VW den Einsatz ein.

In der Abgas-Affäre gerät der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zunehmend unter Druck. So soll er die Nutzung der illegalen Software eine ganze Weile geduldet haben. Nach Information der "Bild am Sonntag" wurde der Manager bereits Ende Juli 2015 von Entwicklern über die illegale Software in der Abgastechnik unterrichtet. Doch erst am 20. September räumte Volkswagen die Nutzung ein. Volkswagen wollte sich dazu nicht äußern. Man nehme zu Spekulationen um die juristische Aufarbeitung des Themas keine Stellung, sagte ein VW-Sprecher.

Die "Bild am Sonntag" beruft sich auf ein Papier aus dem Sommer mit dem Titel "Zulassung Diesel USA". Demnach sollten sich VW-Manager mit Vertretern der US-Behörden zu einem inoffiziellen Informationsaustausch treffen. Bei diesem Gespräch sollte die "Problematik" aber nur teilweise offengelegt werden. Diese "Vorgehensweise wurde am Dienstag, den 28. Juli 2015, von Prof. Winterkorn bestätigt", so das Papier. Das würde bedeuten: Mit dem Wissen von Winterkorn wollte VW den US-Behörden nur die halbe Wahrheit sagen.

Wie die Zeitung weiter berichtet, sei es Anfang August 2015 auch zu dem Treffen der Manager mit Behördenvertretern gekommen. In einem Vermerk vom 6. August habe VW-Mitarbeiter Bernd G. geschrieben, dass das Gespräch positiv verlaufen sei und man nur eingeräumt habe, dass die Diesel nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprächen. Die Amerikaner hätten wohlwollend reagiert. Man erwarte aber in den weiteren Diskussionen Gegenwind vom technischen Personal.

So kam es: Am 20. September räumte Volkswagen auf Druck der US-Behörden den Betrug ein, die Aktie brach ein, Winterkorn trat zurück. Bis heute hat der größte deutsche Autobauer den Betrug weder aufgeklärt, noch Verbraucher entschädigt oder die Krise übewunden.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft seit Monaten Vorwürfe des Betrugs und der Marktmanipulation - letzteres auch gegen Winterkorn (69) persönlich. Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe sagte: "Herr Winterkorn hat nach wie vor nicht den Status eines Beschuldigten im Diesel-Verfahren. Sollte sich das im Rahmen der fortdauernden Ermittlungen noch ändern, werde ich es mitteilen." Ziehe wies zurück, dass die Justiz verdächtigen Technikern geringere Strafen versprochen hätte, wenn diese Schuld einräumen.

Am Freitag kam der Aufsichtsrat von VW zusammen. Dabei berichtete die von Volkswagen beauftragte amerikanische Anwaltskanzlei Jones Day über den aktuellen Stand ihrer internen Ermittlungen. Es sei aber bislang keine Mail, Protokollnotiz oder Sonstiges aufgetaucht, was die Firmenspitze handfest belasten würde, hieß es gestern aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Jones Day durchleuchtet derzeit das Unternehmen und befragt Mitarbeiter. Erste Ergebnisse von Jones Day hätten ursprünglich im Frühjahr vorliegen sollen. VW betont immer wieder, man wolle den Ausgang der Prüfungen abwarten.

Streit gibt es zudem um die Frage, ob Akten aus US-Verfahren auch vor Gerichten in Europa verwendet werden dürfen. VW und der Zulieferer Bosch wollen das unterbinden. Der riesige Berg an Daten dürfe nicht Klägern in europäischen Streitigkeiten zugänglich gemacht werden, forderten ihre Anwälte in Anträgen, die am Samstag beim zuständigen Gericht in San Francisco eingingen. Die Unternehmen wollen damit verhindern, dass das bereits mehr als 20 Millionen Seiten umfassende Material, das von US-Ermittlern zusammengetragen wurde, auch für die am Landgericht Braunschweig gebündelten Anlegerklagen genutzt werden.

Der Autozulieferer steht ohnehin im Fokus. Bosch hatte Software an Volkswagen geliefert, die auch für den Abgasbetrug genutzt wurde. In den USA werfen Staatsanwälte und geschädigte Diesel-Besitzer dem Bosch-Konzern vor, aktiver Mittäter zu sein und volle Kenntnis von Volkswagens Tricksereien gehabt hätte. Während VW mittlerweile ein Schuldgeständnis abgegeben und einen bis zu 15,3 Milliarden Dollar teuren Vergleich mit US-Klägern ausgehandelt hat, steht eine Einigung bei Bosch bislang aus. Man folge bei der Produktentwicklung dem "Prinzip der Legalität", hatte Bosch-Cheflobbyist Peter Biesenbach vor kurzem bei einer Anhörung im EU-Parlament gesagt. Ob dies in der Vergangenheit aber stets geschehen sei, wolle er nicht kommentieren,

(anh/dpa)
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