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Essen
Milliardendeal sichert die Thronfolge

Essen. Der Essener Chemiekonzern Evonik wagt für 3,5 Milliarden Euro den größten Zukauf seiner Geschichte. Damit hat Strategievorstand Christian Kullmann sein Meisterstück geliefert - aber auch Vorstandschef Klaus Engel ist froh. Von Reinhard Kowalewsky

Der breiten Öffentlichkeit ist der Essener Chemiekonzern Evonik vorrangig als Hauptsponsor von Borussia Dortmund bekannt, gestern zeigten die Essener, dass sie gute Vorlagen auch schlau verwandeln können. Für 3,5 Milliarden Euro kaufen sie das Spezialadditiv-Geschäft des US-Konkurrenten Air Products and Chemicals. Die Aktie war Tagessieger im MDax mit einem Plus von fünf Prozent. Und während der von Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller geführte Aufsichtsrat den Kauf abnickte, wurde gleichzeitig gestern auch eine wichtige Personalie offiziell entschieden: Strategievorstand Christian Kullmann wurde mit sofortiger Wirkung stellvertretender Vorstandschef. Damit steht praktisch fest, was unsere Redaktion schon vor Wochen gemeldet hatte: Der 47-Jährige wird Nachfolger von Vorstandschef Klaus Engel. Der 60-Jährige will seinen Vertrag über 2017 hinaus wohl nicht verlängern lassen - und da sich Engel, Müller und Kullmann alle seit mehr als zehn Jahren bestens kennen, wird das Trio die Zeit des Übergangs sicher professionell steuern.

Dabei hat Kullmann alles richtig gemacht: Zuerst war der Wirtschaftshistoriker für Werner Müller während dessen Amtszeit als Evonik-Chef und davor als RAG-Chef Kommunikationschef und Büroleiter in einem - das war alleine schon eine Empfehlung nach ganz oben, da bei Müllers früherem Arbeitgeber Veba (jetzt Eon) schon zweimal die Büromanager des Vorstandschefs später selber Konzernprimus geworden waren.

Dann half Kullmann in gleicher Funktion Engel, sich ab 2009 als neuer Vorstandschef zu positionieren, um dann aber ab 2014 selbst in den Vorstand aufzusteigen. Der Clou dabei: Anstatt sich ein weniger wichtiges Thema wie Politik oder Personal aufbürden zu lassen, nutzte Familienvater Kullmann die für ihn geschaffene Aufgabe als Strategievorstand, um sich als intellektueller und auch tatkräftiger Vordenker des Konzerns zu bewähren.

Der frühere Mitarbeiter der Dresdner Bank entwarf die langfristige Strategie, global in eine Reihe von profitablen Nischenmärkten vorzudringen. Dann zerlegte er mit Engel das Geschäft in drei unabhängig arbeitende Bereiche.

Das gekaufte Geschäft von Air Products lässt sich jetzt leicht in die zwei Wachstumssegmente Nutrition & Care (Ernährung und Pflege) und Ressource Efficiency (niedriger Einsatz von Rohstoffen und Energie) eingliedern, wogegen die Sparte Performance Materials (Werkstoffe) von dem Zukauf nichts hat - sie gilt als weniger vielversprechend, hier wird weniger investiert.

Außerdem hilft die Akquisition Evonik, sich deutlich stärker in den USA zu positionieren. Kullmann. "Diese Übernahme ist von großer strategischer Bedeutung für uns. Wir bauen damit unsere Präsenz in dem wachstumsstarken nordamerikanischen Markt kräftig aus und stärken unsere Innovationskraft."

Aber auch Engel freut sich außerordentlich über den Deal: Immerhin hatte der politisch gut verdrahtete Chemiker die Schlussverhandlungen wesentlich mitgeführt - das half, den Preis zu begrenzen. Und Engel ist froh, seine voraussichtliche Schlusszeit als Vorstandschef nun mit einem Paukenschlag einläuten zu können: "Durch die Akquisition erweitern wir unser Portfolio um genau die richtigen Märkte, Produkte und Innovationen und investieren weiter in unser Wachstum und unsere Profitabilität."

Ein Personalabbau sei im Zusammenhang mit der Übernahme bei Evonik nicht geplant, erklärt das Unternehmen. Gesamtbetriebsratschef Ralf Hermann sprach in einem Brief an die aktuell 33.500 Mitarbeiter von einer "Akquisition geprägt von Realismus und Augenmaß". Mit Augenmaß liefen auch die Verhandlungen: Ein Steuervorteil von 500 Millionen Euro soll helfen, den Kauf zu finanzieren - ein Siebtel des Preises.

Quelle: RP
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