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Mülheim
Mit Mitte fünfzig wieder auf Jobsuche

Mülheim. Tausenden Mitarbeitern bei Kaiser's Tengelmann droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes. Vor allem für ältere Beschäftigte wird es schwierig, eine neue Stelle zu finden. Die Bundesagentur für Arbeit hat schon Unterstützung angeboten. Von Georg Winters

"Ich bin seit 40 Jahren bei Kaiser's, ich kenne nichts anderes. Jetzt bin ich zu alt für andere Arbeitgeber und zu jung für die Rente." Bettina Hensel ist 56 Jahre alt, und wie viele der rund 15.500 Mitarbeiter bei der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann hat sie Angst um ihren Job. Nach dem Scheitern der Rettungsgespräche bei Kaiser's drohen Tausende Arbeitsplätze wegzufallen, und vor allem ältere Beschäftigte werden es vermutlich schwerhaben, eine neue Stelle zu finden.

Der Fall Schlecker hat gezeigt, dass es im deutschen Einzelhandel nicht so einfach ist, einen Job zu ergattern. Von knapp 23.500 Mitarbeitern, die die untergegangene Drogeriekette einst beschäftigte, waren Anfang Oktober noch knapp 12.000 auf Jobsuche. 2300 haben sich nach Angaben von Frank-Michael Weise, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, "aus unterschiedlichsten Gründen" bei der Agentur abgemeldet. Manche blieben auch nach ihrem Ausscheiden zunächst untätig, in der Hoffnung, ein Investor könnte die Filiale übernehmen und auch die dort bisher beschäftigten Mitarbeiter.

Die Hoffnung, von einem Filialkäufer mit übernommen zu werden, wird sich bei Kaiser's längst nicht überall erfüllen. Zwar geht Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub davon aus, dass der Erwerber "mit allen Rechten und Pflichten in sämtliche filialbezogene vertragliche Beziehungen mit Dritten, insbesondere mit den jeweiligen Vermietern, Untermietern und Filialmitarbeitern" eintritt. Doch vor Kurzem ist bereits der Begriff "besenreine Übergabe" gefallen. Er besagt nichts anderes, als dass der Verkäufer dem Käufer die reine Filiale übergibt - ohne Personal. Der Übernehmer müsste auch bei einem Betriebsübergang nach Paragraf 613 a BGB die Mitarbeiter übernehmen, aber was hilft das, wenn er sich nur bereiterklärt, die leere Filiale zu kaufen? Und selbst dann gilt: Mitarbeiter dürfen zwar nicht wegen des Betriebsübergangs gekündigt werden, aber aus anderen Gründen schon.

Bei Kaiser's wird es jedenfalls viele hart treffen, auch weil sie noch weit vom Rentenalter entfernt sind. "Das Durchschnittsalter beträgt bei uns 43 Jahre", sagt der Betriebsratsvorsitzende Rainer Schroers. Der weit überwiegende Teil sind Frauen, vor allem in den Niederlassungen, in denen mehr als 80 Prozent der Kaiser's-Belegschaft arbeiten.

Mitarbeiter, die um ihren Job fürchten, müssen indes nicht warten, bis sie die Kündigung haben. "Jeder kann sich jetzt bei uns schon arbeitsuchend melden", sagt ein Sprecher der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Nach seinen Angaben gab es bereits ein Angebot an die Kaiser's-Geschäftsführung, Mitarbeiter über Leistungen und Fördermöglichkeiten der Arbeitsagentur zu informieren. Doch darauf habe Kaiser's sich bisher noch nicht eingelassen.

Stattdessen will Tengelmann-Chef Haub bei der Verwertung aufs Tempo drücken. Wer Interesse an einer Filiale hat, soll das bis 26. Oktober sagen, verlangt er. Wer das tut, bekommt danach Einblick in das Zahlenwerk der Niederlassung. Für Filialen, für die sich bis zum nächsten Mittwoch noch niemand gemeldet hat, bleibt vermutlich nur die Schließung. Es sei denn, es gibt in letzter Sekunde noch eine Einigung. NRW-Arbeitsminister Rainer Schmeltzer (SPD) will die Hoffnung noch nicht aufgeben: "Im Sinne der Beschäftigten appellieren wir an die an den bisherigen Gesprächen Beteiligten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Jede mögliche Chance sollte genutzt werden."

Quelle: RP
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