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Wolfsburg
Muss VW 115.000 Autos zurücknehmen?

Wolfsburg. Den Abgasskandal konnte der Autobauer in Deutschland mit minimalem Aufwand lösen, in den USA geht das nicht. Von Florian Rinke

So mancher deutsche VW-Fahrer dürfte sich angesichts der Meldungen, die es über mögliche Kompensationen für US-Kunden gibt, arg verschaukelt fühlen: Zunächst wurde bekannt, dass Volkswagen 1000-Dollar-Gutscheine verteilt. Für deutsche Kunden gab es nichts. Dann bereiteten US-Anwälte millionenschwere Sammelklagen auf Schadenersatz vor. Das deutsche Rechtssystem lässt diese Art von Klagen nicht zu. Und nun heißt es, dass VW fürchte, auf Druck der US-Umweltbehörden rund 115.000 Fahrzeuge in den USA von betroffenen Kunden zurückkaufen zu müssen. Für deutsche Kunden gibt es lediglich einen Werkstatttermin mit kostenlosem Software-Update.

Auch wenn Volkswagen den Bericht der "Süddeutschen Zeitung" über einen möglichen Fahrzeugrückkauf nicht kommentiert, wird deutlich, wie viel Aufwand der Konzern betreiben muss, um den Imageschaden in den USA zu begrenzen. Bis heute gibt es nicht mal eine Lösung zur Behebung des Problems des zu hohen Stickoxid-Ausstoßes der Fahrzeuge, der mittels einer Schummelsoftware verschleiert wurde. Einerseits gelten in den USA schärfere Grenzwerte. Sie machen eine einfache Lösung wie in Deutschland unmöglich, wo ein Software-Update und in einigen Fällen der Einbau eines wenige Euro teuren Plastikteils reichen. Stattdessen müssen laut einem Insider zum Teil Komponenten wie ein Katalysatorsystem neu entwickelt werden. Andererseits wollen es die US-Behörden den aus ihrer Sicht häufig arrogant aufgetretenen Managern aus Prinzip nicht zu leicht machen.

Auch wenn VW das wohl gar nicht beabsichtigt: Allein die Umstände könnten dazu führen, dass sich deutsche Fahrer als Kunden zweiter Klasse fühlen, die am Ende nicht nur weniger Bares zu erwarten haben, sondern auch mit der Gewissheit auf der Straße unterwegs sind, dass ihre Fahrzeuge die Umwelt auch nach dem Rückruf stärker verschmutzen als die VW-Autos in anderen Ländern - und damit letztlich gesundheitsschädlicher sind.

Doch darauf kann der gebeutelte Wolfsburger Konzern momentan keine Rücksicht nehmen. Zu viel steht auf dem Spiel - der Ruf, das Firmenvermögen, Arbeitsplätze. So lange die deutschen Kunden ihrem Marke treu bleiben, kümmert man sich daher lieber um andere Baustellen. Und da wäre zunächst mal der zusammen mit China größte Fahrzeugmarkt der Welt, die USA: Pünktlich zur Technikmesse CES in Las Vegas, wo Volkswagen mit einer Bulli-Neuauflage mit Elektroantrieb punkten wollte, wurde die Klage des US-Justizministeriums gegen VW bekannt. Sie könnte sich auf bis zu 46 Milliarden Dollar belaufen. Und dann, wenige Tage vor dem ersten Auftritt von VW-Chef Matthias Müller bei der Autoschau in Detroit sickert die Nachricht vom möglichen Rückkauf durch. Durch ihn würden neue Milliardenkosten auf den Konzern zukommen, selbst dann, wenn es gelingen würde, statt einer Erstattung die Fahrzeuge gegen neuere VW-Modelle zu tauschen.

Insofern dürfte es sicherlich schönere Termine für VW-Chef Müller geben als die Gespräche, die er kommende Woche mit verschiedenen staatlichen Vertretern führen muss. So trifft Müller am kommenden Mittwoch in Washington die Leiterin der US-Umweltbehörde EPA, Gina McCarthy. Der Termin sei auf Anfrage des Unternehmens zustande gekommen, erklärte eine EPA-Sprecherin.

Der Kurs der Volkswagen-Aktie ist durch die schlechten Nachrichten nach einem Zwischenhoch wieder unter Druck geraten. Gestern sackte der Kurs der Vorzugsaktien um 3,6 Prozent auf 114 Euro ab. Seit Jahresbeginn hat das Papier mehr als 20 Euro an Wert verloren und nähert sich wieder den Tiefstwerten aus dem November an, als der Aktienkurs auf rund 95 Euro abgestürzt war. VW-Chef Müller bleibt dennoch optimistisch. Er betrachte den Job als Herausforderung, sagte er zuletzt in einem Interview mit der "Wirtschaftswoche": "Wir werden Geduld brauchen. Aber ich spüre: Es geht voran."

Quelle: RP
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