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Thyssenkrupp-Chef
Neue Probleme statt neues Wachstum

Essen. Thyssenkrupp-Chef Hiesinger ist seinem Ziel, den Traditionskonzern stärker auf die Industriegeschäfte auszurichten, auch im neuen Jahr nicht entscheidend näher gekommen. Und jetzt machen ihm auch noch Compliance-Probleme zu schaffen. Von Kirsten Bialdiga

Wenn jeder merken soll, dass in einem Konzern neue Zeiten angebrochen sind, dann ändern sich Äußerlichkeiten. Dann erfinden sie ein anderes Logo, kreieren neue Titel in der Firmenhierarchie oder verändern die Art und Weise, wie sich die Manager in der Öffentlichkeit präsentieren sollen. Bei Thyssenkrupp ist all dies geschehen. Gestern zum Beispiel las Konzernchef Heinrich Hiesinger seine Rede bei Vorlage der Bilanz nicht mehr vom Blatt ab, wie es sonst üblich war.

Was er sagte, unterschied sich aber nicht so sehr von den Vorjahren: Die Jahresbilanz ist durchwachsen (vgl. Infokasten). Nach wie vor kämpft Thyssenkrupp mit Überkapazitäten am Stahlmarkt, die auf die Preise drücken. Mit einem schwächelnden Anlagenbau- und Werftengeschäft. Mit einem schrumpfenden Eigenkapital und geringen Mittelzuflüssen aus dem laufenden Geschäft. Die Dividende stagniert bei 15 Cent. "Das Niveau kann Sie als Aktionäre und uns mittelfristig nicht zufriedenstellen", räumte der Vorstandschef ein.

Fünf Jahre, nachdem Hiesinger an die Spitze von Thyssenkrupp rückte, ist er seinem Ziel, den Traditionskonzern vor allem auf die Industriegeschäfte wie Aufzüge, Anlagenbau oder Autozulieferung auszurichten, nicht entscheidend näher gekommen. Und jetzt holen den früheren Siemens-Manager auch noch Compliance-Probleme ein, also mögliche Verstöße gegen die Regeln im Geschäftsverkehr.

Gleich zwei solcher Fälle machen dem Konzern in jüngster Zeit wieder zu schaffen. In Israel steht ein Korruptionsverdacht bei einem Rüstungsgeschäft im Raum. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll den Verkauf von drei Thyssenkrupp-U-Booten im Wert von 1,5 Milliarden Euro gegen den Widerstand des Verteidigungsministeriums vorangetrieben haben. Fragwürdig ist dabei, dass dessen Anwalt zugleich auch Thyssenkrupps Berater bei dem Deal, Miki Ganor, vertreten haben soll. Beide weisen dies zurück.

Eine Untersuchung in Israel soll die Sache nun aufklären. Für Thyssenkrupp steht einiges auf dem Spiel, allein wegen des möglichen Reputationsschadens. "Wir haben keine Vertragsbeziehung zu dem Rechtsanwalt in Israel", relativierte gestern Compliance-Vorstand Donatus Kaufmann die Angelegenheit. Der Konzern werde wie immer den Hinweisen auf solche Unregelmäßigkeiten nachgehen und den Sachverhalt aufklären.

Auch der zweite Fall ist unangenehm, besonders für Hiesinger. Wie kaum ein zweites Thema machte er Compliance zur Chefsache, nachdem der Konzern vor seiner Amtszeit in Kartelle verwickelt war, die Milliardenstrafen nach sich zogen. Er führte neue Compliance-Regeln ein und schuf ein entsprechendes Vorstandsressort. Doch ausgerechnet ein langjähriger Kollege aus Siemens-Zeiten, Jens Michael Wegmann, verstieß offenkundig gegen die Regeln, indem er ein Goldarmband als Geschenk annahm, das rund 4770 Euro gekostet haben soll. Wegmann trat zurück. Dabei war Hiesingers Weggefährte erst kurz zuvor zum Anlagenbau-Chef ernannt worden. "Es gab Konsequenzen ohne Ansehen der Person", sagte Hiesinger, "es hat ihm nichts genützt, mich zu kennen."

Ein strategischer Befreiungsschlag könnte mit der Zusammenlegung der Stahlsparten von Thyssenkrupp und der britischen Tata-Tochter gelingen. Doch der Brexit bremst die Gespräche. Sie hätten sich schon in fortgeschrittenem Stadium befunden, sagte Hiesinger. Nun müssten sie mit der neuen Regierung und dem neuen Management, das prinzipiell vom Sinn einer Fusion überzeugt sei, wieder aufgesetzt werden. Auch der Verkauf des Werkes in Brasilien stehe nicht unmittelbar bevor. Unabhängig davon müsse sich die Stahlbelegschaft hier auf Einschnitte einstellen.

Und so wird es auch in diesem Geschäftsjahr wohl eher in kleinen Schritten vorangehen; der Vorsteuergewinn soll auf 1,7 Milliarden Euro steigen. Und bald auf zwei Milliarden Euro, die Jahreszahl bleibt offen.

Quelle: RP
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