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Frankfurt
Neuer Anlauf für Großfusion der Börsen

Frankfurt. Frankfurt und London verhandeln wieder miteinander. Schon zweimal hatten sie einen Zusammenschluss versucht - vergebens. Gelingt der Deal, entstünde der weitaus größte Handelsplatz in Europa - gemessen am Marktwert. Von Michael Braun

Während die Politik über einen "Brexit" - den Austritt Großbritanniens aus der EU - diskutiert, rücken die Börsen des Kontinents und der britischen Insel zusammen. Zumindest die Deutsche Börse und die Londoner Stock Exchange (LSE) wollen ein weiteres Mal über eine Fusion verhandeln. Der dritte Anlauf.

Der gemeinsame Feind scheint groß genug geworden zu sein. Der heißt vermutlich "Dark Pools" oder "Turquoise" oder "Liquidnet". Das sind bankinterne Handelsplätze, an denen Käufe und Verkäufe der Kundschaft erst einmal intern miteinander verrechnet werden, um nur den überschießenden Teil an die Börsen zu geben. Diese "Dark Pools" nehmen den Börsen viel Umsatz weg. Auf dem Handelssystem der Deutschen Börse, auf Xetra, sollen nur noch 40 Prozent des gesamten Aktienhandels stattfinden, der größere Rest auf den "Dark Pools".

Dagegen helfen offenbar nur Zusammenschlüsse. Über einen solchen verhandeln Deutsche Börse und LSE nach 2000 und 2004 zum dritten Mal. Beide Unternehmen gaben bekannt, sie verhandelten über einen "potenziellen Zusammenschluss". Es wäre in Europa dem Marktwert nach der weitaus größte Handelsplatz: Die Deutsche Börse wird mit 14,7 Milliarden Euro bewertet, die LSE mit umgerechnet 10,4 Milliarden. Die Börsen in Frankreich und Spanien folgen mit jeweils rund 2,5 Milliarden Euro.

Die Vorstellungen sind schon ziemlich konkret: Es soll über beiden Börsen eine Holding gebildet werden. Die Aktionäre der Deutschen Börse sollen daran 54,4 Prozent, die der Londoner Börse 45,6 Prozent halten. Darin liegt schon ein Zugeständnis aus Frankfurt. Denn zum gemeinsamen Börsenwert steuert die Deutsche Börse sogar 58 Prozent bei. Warum sind die Deutschen so großzügig? Vermutlich, weil die Deutsche Börse sich ihrer Verhandlungs-Vergangenheit erinnerte. Unter ihrem damaligen Chef Werner Seifert hatte sie 2000 und 2004 versucht, die LSE zu übernehmen - vergeblich. Noch heute heißt es in Frankfurt, es habe am mangelnden Verhandlungsgeschick Seiferts gelegen. Dabei hatte er beim ersten Versuch die Kunden umworben und ihnen vorgerechnet, was sich an einer gemeinsamen Börse sparen ließe. Sechs Milliarden Mark (mehr als drei Milliarden Euro) jährliche Einsparungen stellte er damals den Aktionären auf beiden Seiten in Aussicht. Auch jetzt ist von substanziellen Kostenvorteilen die Rede. Die Aktie der Deutschen Börse stieg um vier Prozent.

Dennoch dürfte für den Zusammenschluss die Konkurrenz der Dark Pools wichtiger sein als die erhofften Kostenvorteile. Ob die Hoffnung aufgeht, bleibt aber offen. Denn "Dark Pools" sind auch deshalb bei Großanlegern so beliebt, weil sie nicht den Transparenzvorschriften der Börse unterliegen. So liegt bei ihnen das Orderbuch nicht offen. An der Börse können Händler es weitgehend einsehen und - liegt etwa eine große Verkaufsorder vor - die Kurse in Erwartung des Verkaufsdrucks schon mal zurücknehmen. Großanleger wollen aber ihre Aufträge kursschonend abgewickelt sehen, eine Kunst, die sich im Computerhandel womöglich verliert.

Dass die deutsch-britischen Fusionsgespräche während der Debatte über den "Brexit" stattfinden, irritiert Gesprächspartner nicht. Sie verweisen darauf, dass die Deutsche Börse seit 2007 einen US-Börsenbetreiber besitze, einen Zusammenschluss mit der Warenterminbörse in Chicago geplant hatte und sich schon länger intensiv in China umschaue. "So weit kann die britische Insel gar nicht vom Kontinent abrücken", hieß es in Frankfurt. Außerdem gehe es Unternehmen in erster Linie um Marktmacht. Als unsicher gilt indes, ob die europäische Wettbewerbsbehörde dem Deal zustimmen wird.

Quelle: RP
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