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Krefeld
Neuer Poker um Siemens-Zugsparte

Krefeld. Insider erklären, der Technologiekonzern verhandele mit Bombardier über eine Fusion der Bahnsparten. Arbeitnehmervertreter reagieren gelassen. Von Maximilian Plück

Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser heute die Daten für das dritte Geschäftsquartal präsentiert, rückt neben dem Sparprogramm in der Energiesparte und der Zentrale ein weiteres Geschäftsfeld in den Fokus: die Zugsparte. Das "Wall Street Journal" berichtete unter Berufung auf Insider, dass der Münchener Konzern mit dem kanadischen Konkurrenten Bombardier über eine Zusammenlegung der jeweiligen Zug-sparten verhandele. Die Gespräche seien in einer sehr frühen Phase, und die Kanadier streckten ihre Fühler auch noch in andere Richtungen aus, berichtet die Zeitung. "Wir sprechen nicht mit Siemens", so ein Sprecher von Bombardier. Siemens wollte sich gar nicht äußern.

Das Szenario des Insiders sieht wie folgt aus: Demnach bereitet Bombardier einen Börsengang seines Transportsegments in Frankfurt vor. Die Kanadier wollen einen Minderheitsanteil an der Sparte versilbern, um ihre eigene Kapitalbasis zu stärken. Siemens könnte nach diesem Schritt seine Zugtechnik mit jener des Konkurrenten zusammenführen. Den Gesamtwert der Bombardier-Zugsparte schätzen Analysten auf fünf Milliarden Dollar (4,52 Milliarden Euro).

Fraglich ist, was eine Fusion für die Beschäftigten bedeuten würde. In Krefeld betreibt Siemens beispielsweise eine hochmoderne Fabrik mit rund 2500 Mitarbeitern. "Krefeld ist ein sehr gutes Werk, das auch bei einem Zusammenschluss wohl kaum infrage gestellt würde", sagt Maria Leenen, Chefin der auf die Bahnbranche spezialisierten Unternehmensberatung SCI Verkehr, "eine Fusion würde weniger den Produktionsbereich, als vielmehr die Verwaltung und den Entwicklungs- und Zulassungsbereich treffen."

Bei der IG Metall herrschte gestern demonstrative Gelassenheit. Der Bericht löse bei niemandem Wallungen aus, hieß es in Gewerkschaftskreisen. Ein Zusammenschluss der Zugsparten von Bombardier und Siemens sei "eines von vielen denkbaren Szenarien". "Dahinter steckt nach unserem Kenntnisstand keine seriöse Entscheidungsgrundlage", hieß es.

Dass der Branche ein Umbruch ins Haus steht, bezweifelt jedoch niemand. Grund ist unter anderem, dass in jüngster Zeit zunehmend Anbieter aus Asien ihre Marktposition ausbauen: Vor allem der chinesische Anbieter CRRC bereitet den westlichen Konzernen Bauchschmerzen. Der weltgrößte Hersteller ist aus einer Megafusion der Konkurrenten CNR und CSR hervorgegangen. Zudem tummeln sich die japanischen Anbieter Hitachi und Kawasaki zunehmend auf dem Markt. Auch der italienische Hersteller Anslado buhlt um Großaufträge.

Zudem belastet die wirtschaftliche Entwicklung die Anbieter: "Vor dem Hintergrund der sich eintrübenden chinesischen Konjunktur ist klar, dass sich die Branche konsolidieren muss", sagt Branchenkennerin Leenen. Die Unternehmen benötigten dringend eine Verbesserung bei der Kostenstruktur. "Warum sollten beispielsweise zwei Firmen zu hohen Kosten ein eigenes Drehgestell entwickeln?", fragt die Expertin. Leenen sieht dafür bei Bombardier und Siemens gute Ansätze: "Die Zustimmung der Kartellbehörden wird allerdings nicht nur eine Formsache sein - in einzelnen Segmenten ist eine Zustimmung nur unter Auflagen zu erwarten. Die Wettbewerbshüter sollten aber auch die Weltmärkte im Auge haben: Ein starker europäisch-kanadischer Spieler ist wünschenswerter, als den Chinesen den Gesamtmarkt zu überlassen."

Dass die Siemens-Bahnsparte ein Verkaufskandidat ist, ist nicht neu. 2014 hatte Kaeser versucht, sie mit der des französischen Konkurrenten Alstom zusammenzulegen. Der Deal platzte jedoch. Damals sagte Kaeser, das Ziel bleibe das gleiche, der Weg werde ein anderer sein. "Ob sich Siemens völlig aus dem Zuggeschäft zurückzieht, ist reine Spekulation", sagt Leenen, "klar ist aber, dass der Konzern keine große Leidenschaft im Bahnbereich hat. Es gibt margenträchtigere Bereiche."

Quelle: RP
 
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