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Kolumne Kurt Von Storch
Notenbanken schnappen Anlegern die Aktien weg

Erst verhängen die Notenbanken Nullzinsen, nun kaufen sie Aktien. Die Schweizer sind bereits Apple- und Exxon-Aktionär.

Köln An dieser Stelle habe ich schon oft über die Notenbanken geschrieben. Über ihre Geldpolitik, den Nullzins und die möglichen Folgen für uns Anleger. Und doch ist die Entwicklung so verrückt und bedeutsam, dass ich weitere Zeilen zu diesem Thema verlieren muss.

Da wäre die Schweizerische Nationalbank (SNB), die in Relation zu ihrer Größe am meisten frisches Geld druckt. Gezwungenermaßen muss es fairerweise heißen. Denn wenn die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht so aggressiv wäre und der Euro nicht so schwach, müssten die Schweizer Notenbanker auch nicht eingreifen, also keine Euro kaufen, um zu verhindern, dass der Franken gegenüber der Gemeinschaftswährung zu stark aufwertet.

Die erworbenen Devisen, im Wesentlichen sind das Euro und US-Dollar, investiert die SNB an den internationalen Kapitalmärkten. Anfangs haben die Schweizer im großen Stil Anleihen geordert, mittlerweile sind es Aktien. Ein Blick auf die Bilanz der SNB zeigt das eindrucksvoll: In den vergangenen fünfeinhalb Jahren haben die Notenbanker ihre Bilanzsumme von 270 Milliarden auf 690 Milliarden Schweizer Franken aufgebläht. Der Anteil der Aktien stieg im selben Zeitraum von gut acht auf mehr als 18 Prozent! Mittlerweile zählt die Schweizerische Nationalbank zu den bedeutenden Anteilseignern internationaler Konzerne, darunter Apple, Alphabet oder Exxon Mobil. Eine Notenbank als global agierender Investor. Das klingt befremdlich.

Würden wir Thomas Jordan anrufen, den Chef der SNB, und ihn zu den Aktienkäufen befragen - er verwiese vermutlich auf das zuvor beschriebene "Selbstverteidigungsrecht" des Franken. Und darauf, dass das Angebot an Anleihen (schließlich kaufen auch andere große Notenbanken im großen Stile Anleihen) immer knapper werde. Blieben also die Aktien. So in der Art dürfte sich die Schweizer Argumentation anhören.

Und die der Amerikaner oder Euro-Europäer? Nun ja, wenn eine Notenbank mit selbst gedrucktem, also aus dem Nichts geschaffenem Geld in großem Stil Produktivvermögen in anderen Währungsräumen kauft, hat das einen faden Beigeschmack. Kritische Geister würden vermutlich von "Raub" sprechen.

Die Schweizer sehen das naturgemäß etwas weniger kritisch. Ich an ihrer Stelle würde mich auch nicht beschweren. Das Vorgehen der SNB ist rational. Sie betreibt nicht nur Frankenpflege, sondern auch Vorsorge. Sollte der Euro irgendwann auseinanderbrechen, säße die Schweiz auf einem werthaltigen Aktienportfolio, Deutschland dagegen auf einem Berg fauler (Anleihe)Forderungen. Welche Variante die bessere ist, dürfte klar sein.

Mich würde deshalb nicht wundern, wenn das Beispiel der Schweizerischen Nationalbank irgendwann Schule machte, und auch die Europäischen Zentralbank zum Aktionär wird. Nicht zuletzt wegen des immer knapper werdenden Angebots bei Anleihen.

Aber was bedeutet das für Anleger? Sollten die Notenbanken im großen Stil als Aktienkäufer auftreten, dürfte das die Aktienkurse, so wie in den vergangenen Jahren bei Anleihen geschehen, weiter in die Höhe treiben. Etwas flapsig ließe sich schreiben, dass die Notenbanken, nachdem sie zuerst den Zins "geraubt" haben, uns in Zukunft auch noch die Aktien wegschnappen werden.

Ich würde das, was die Schweizerische Nationalbank tut, jedenfalls als untrüglichen Hinweis werten. Und ich würde nicht warten wollen, bis die anderen großen Notenbanken anfangen, Aktien von erstklassigen Unternehmen einzusammeln - ich würde ihnen zuvorkommen.

DER AUTOR IST GRÜNDER UND VORSTAND DER FLOSSBACH VON STORCH AG IN KÖLN.

Quelle: RP
 
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