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Analyse
NRW wird zu oft reduziert aufs Ruhrgebiet

Analyse: NRW wird zu oft reduziert aufs Ruhrgebiet
Susanne Hilger ist Professorin für Wirtschaftsgeschichte und Expertin für Strukturwandel, besonders in NRW. Nach Stationen in Erlangen und Düsseldorf leitet sie heute das Stiftungsteam der PwC-Stiftung. FOTO: Schaller,Bernd
Düsseldorf. Die These vom "Auslaufmodell Nordrhein-Westfalen" ist unfair: Das Land steht nicht nur für die Risiken des Strukturwandels, sondern auch für seine Chancen Von Susanne Hilger

Das Bundesland Nordrhein- Westfalen gilt als industrielles Herzstück Europas. Mit Blick auf seine Bevölkerungszahl wie auch auf seine Wirtschaftsleistung rangiert das Land, in staatliche Kategorien übersetzt, an sechster Stelle in der EU. Lange gleichgesetzt mit dem Ruhrgebiet, der "Industrielandschaft aus Kohle und Stahl", offenbart sich bei genauerem Hinsehen eine wirtschaftliche Vielfalt, die zentrale Themen der vergangenen 70 Jahre wie in einem Brennglas abbildet. Dazu gehört der Wandel von der Industrie- zur sogenannten Dienstleistungsgesellschaft. Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer dieses von Digitalisierung und Globalisierung geprägten Veränderungsprozesses? Und welche Perspektiven eröffnet der Strukturwandel alten Indus triestandorten, ländlichen Gebieten und den neu ausgerufenen Metropolregionen an Rhein und Ruhr? Auf Fragen wie diese gibt die Wirtschaftsgeschichte Nordrhein-Westfalens spannende Antworten.

Denn die Erfahrungen von wirtschaftlichem Wandel, also der Abfolge von Prosperität und Krisenhaftigkeit, gehören zu den prägenden der Menschen vor Ort, egal ob sie als politische oder wirtschaftliche Entscheidungsträger, als Arbeitnehmer und ihre Familienangehörigen oder als Unternehmer agieren. In der Öffentlichkeit wie auch im privaten Umfeld wird der Strukturwandel vielfach mit schmerzhaften Einschnitten verbunden, mit dem Verlust des Arbeitsplatzes etwa oder mit der Veränderung der Umwelt. All dies führt dazu, dass der Begriff oft negativ aufgeladen ist. Vor allem Schreckensszenarien von Krise und Arbeitslosigkeit werden mit dem Begriff in Verbindung gebracht. Sie kreierten das Image vom Auslaufmodell NRW, dem Land der Altlasten, das im Wettbewerb mit den süddeutschen Flächenstaaten gnadenlos unterlag.

"Subventionen bremsen den Strukturwandel aus"

Im westdeutschen Ländervergleich gilt die nordrhein-westfälische Wirtschaft daher immer noch als Beispiel für einen gescheiterten Strukturwandel. "Viel zu lange", so formuliert etwa der Länderbericht der Bertelsmann Stiftung 2010, habe "das Land in die Vergangenheit investiert". Der Strukturwandel der nordrhein- westfälischen Wirtschaft [sei] durch die Subventionen in den Steinkohlebergbau "ausgebremst worden", so das Urteil der Experten. Allerdings hängt NRW das Image des Industrie-Dinosauriers- zu Unrecht an, weil es der Vielfalt des Landes und seiner Regionen nicht gerecht wird. Viel zu oft wird Nordrhein-Westfalen reduziert auf das sich nur langsam restrukturierende Ruhrgebiet, während Wirtschaftsregionen wie etwa der Niederrhein, die Rheinschiene mit Köln und Düsseldorf und auch die mittelständisch geprägten Regionen Ost- und Südwestfalens ein anderes, weniger krisenanfälliges Profil aufweisen.

Zudem wird meist übersehen, dass sich auch auf altindustrieller Grundlage hochmoderne Unternehmen herausgebildet haben. Vorhandene Kompetenzen sorgten dafür, dass Bergbauzulieferfirmen aus Nordrhein-Westfalen ihr Know-how in alle Welt verkaufen, dass hochproduktive Stahlunternehmen hier die neuesten Materialien und Verbundstoffe produzieren und Textilunternehmen spezialisierte Hochtechnologie liefern. Ebenso entwickelte sich das Land aufgrund seines reichhaltigen Erfahrungsschatzes im Umgang mit Primärenergien zu einem bedeutenden Produktions- und Entwicklungsstandort für Zukunfts- und Umwelttechnologien.

"Wandel hat Zukunft" – dieses Motto ließe sich denn auch dem in NRW lang verbreiteten allzu pessimistischen Umgang mit den Folgen des Strukturwandels entgegenhalten. Denn der Druck der Veränderung erfasst seit Jahrhunderten Wirtschaftssysteme wie -regionen inner- und außerhalb Europas. Nur diejenigen Akteure, die sich damit auseinandersetzen, halten in aller Regel mit diesem Prozess Schritt. Die Wirtschaftstheorie geht sogar davon aus, dass erst strukturelle Veränderungen und technische Innovationen Neues schaffen und damit wirtschaftliche Dynamik erst auslösen. Joseph Schumpeter, der österreichisch- amerikanische Nationalökonom etwa, begründete auf dieser Überzeugung bereits vor dem Ersten Weltkrieg seine Theorie des Wirtschaftswachstums.

Neben dem Steinkohlebergbau und dem Textilsektor litt seit den 1980er-Jahren auch die Stahlbranche unter dauerhaften Absatzschwierigkeiten, sodass mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze verloren gingen. Zugleich entstanden neue Märkte mit Beschäftigungspotenzial. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion um die Endlichkeit der Ressourcen erlangte die Nutzung von natürlichen Energien neue Aufmerksamkeit. Zwar besitzt die Verwendung von Wind- und Wasserkraft eine lange Tradition in den ländlichen Regionen Rheinland-Westfalens. Doch mit der stärkeren Fokussierung auf Konzepte des Energiemix gewinnt die Nutzung von erneuerbaren Energien stärker als je zuvor an Bedeutung. Für die Zukunftsindustrien des ausgehenden 20. Jahrhunderts übernehmen Zulieferer made in NRW wie etwa Solarworld aus Bonn, Winergy aus Voerde oder Eviag aus Duisburg Pionierfunktionen.

Zukunftsperspektiven dank Greentech

So eröffnen grüne Wachstumsindustrien eine technologische Zukunft für NRW. Bundesweit entstehen in der Umweltindustrie Forschungs- und Innovationsstandorte mit mehreren Millionen Beschäftigten, rund ein Drittel davon befindet sich in NRW. Kaum verwunderlich, wenn sich das Land mit industriellen Dienstleistungen im Bereich der forschungsintensiven Überlebens- und Umwelttechnologien auch als "Exportweltmeister" in den globalen Märkten positioniert. Ein Blick zurück auf die Entwicklung der vergangenen 70 Jahre zeigt, dass das wirtschaftliche Wachstum des Landes Nordrhein- Westfalen immer eng mit der Außenwirtschaft verbunden gewesen ist. Mehr als 50 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung generiert Nordrhein-Westfalen bis heute über den Außenhandel. Er fungiert als eine wirtschaftliche Konstante, der selbst strukturelle Veränderungen, Rezessionen und auch abweichende Entwicklungen in den einzelnen Wirtschaftsbereichen bislang wenig anhaben konnten.

Motor wirtschaftlicher Dynamik war und ist neben den Großunternehmen die mittelständische Wirtschaft, die von entlegenen Regionen wie dem Sauer- oder Siegerland die Welt mit Nischenprodukten erobert. Flexibilität und Marktgespür gehören denn auch zu den Erfolgsrezepten von Hidden Champions made in NRW. Als "Träger und gestaltende Subjekte des Strukturwandels" wurden mittelständische Unternehmen lange unterschätzt. Dies gilt insbesondere für ihre Rolle bei der Bewältigung von strukturellen Krisen oder Veränderungen. Denn mit mehr als 90 Prozent aller Betriebe steuert der Mittelstand "wesentliche Anteile" an der Wirtschaftsleistung auch von Nordrhein-Westfalen bei. So wuchsen die Investitionen in Sachanlagen und Forschung sowie die Zahl der Beschäftigten seit den 1980er-Jahren im nordrhein- westfälischen Mittelstand deutlich schneller als in den Großunternehmen vor Ort.

Alte Industrien bilden die Basis für neue Technologien

Mit Blick auf Erfolgsgeschichten wie diese ist Strukturwandel in NRW eben nicht nur mit Krisen, sondern auch mit Chancen verbunden. Um die altindustriellen Kompetenzfelder herum haben sich neue Produktionslinien, Produkte und Verfahren angesiedelt, die als Cluster ökonomische Netzwerke bilden. Ein entscheidender Schwerpunkt wird dabei auf die Fortentwicklung spezifischer Stärken im Bereich zukunftsfähiger und forschungsintensiver Produktions- und Umwelttechnologien, Materialentwicklung, Energie- und Antriebstechnik und Healthcare gelegt, die adäquate Herausforderungen für das traditionsreiche deutsche Produktions- und Ausbildungsregime bilden und mittelfristig für eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur sorgen werden. Damit besteht die begründete Hoffnung, dass die immer noch hohe Sockelarbeitslosigkeit in NRW in den nächsten Jahrzehnten sukzessive abnehmen wird. Damit stellen sich die Ausgangsbedingungen für das junge 21. Jahrhundert weitaus besser dar als für die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

Quelle: RP
 
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