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San Francisco
NRW-Wirtschaft präsent im Silicon Valley

San Francisco. Keine Region boomt stärker als die Heimat von Apple, Google und hunderten Start-Ups. NRW-Konzerne versuchen, Ideen zu kopieren. Von Reinhard Kowalewsky

Was fällt auf bei einem Besuch in der High-Tech-Region San Francisco? 40 Jahre nach dem Ende der Hippiezeit wabern in den Straßen noch immer gelegentlich kleine Haschischwölkchen - das kommt einem fast skurril vor im wichtigsten Zentrum der Weltwirtschaft. Während die "alten" Giganten der Technikszene wie Intel (gegründet 1968), Apple (1976) oder Google (1998) ) sich im "Silicon Valley" südlich von San Francisco im Umfeld der Eliteuniversität Stanford konzentriert haben, ist jetzt auch die City von Aufbruchstimmung beherrscht - Twitter, der Taxidienst Uber und der Bettenvermittler Airbnb haben da ihre Zentralen. Mehr als zehn Wolkenkratzer werden alleine in der Nähe des zentralen Busbahnhofs hochgezogen. Tausende junge Gründer und ihre Mitarbeiter drängeln sich in kleinen Gemeinschaftsbüros, Co-Working-Space genannt - Boomstimmung.

Die deutsche Wirtschaft will mitmischen. Bevor Tim Höttges 2014 Chef der Telekom wurde, war er anderthalb Monate in einem Technologiekurs in Stanford. "Wenn sich ein Geschäftsmodell radikal ändert, sollte man von denen lernen, die dies am stärksten treiben", sagt er. Kürzlich hat er 50 Manager für eine Woche ins Valley mitgenommen. Die Telekom kopiert sogar bei der Bürostruktur die offeneren Strukturen von der US-Westküste. "Wir müssen noch kommunikativer und offener werden" sagt Höttges, "im Internetzeitalter brauchen wir mehr Freiraum für Innovationen."

Eon und RWE versuchen hektisch, neue Ideen im Valley einzukaufen. Am 20. Oktober hämmerte die deutsche Google-Führung den Düsseldorfer Eon-Managern digitales Denken ein. "Wir wollen die Zukunft der Energiewirtschaft gestalten und halten deshalb immer Ausschau nach interessanten Partnern mit innovativen Technologien oder Geschäftsmodellen", sagt Konzernmanager Konrad Augustin bei einem Treffen in seinem Büro in Downtown San Francisco. Darum habe man sich an 16 Firmen beteiligt.

Der Henkel-Vorstand war eine Woche in der Region. "Nicht alles, was im Valley entsteht, ist für uns relevant" sagt Henkel Chef Kasper Rorsted, "aber beim Thema Digitalisierung gibt es dort auch für unsere Geschäfte viele interessante Ideen." So hat sich Henkel bei Vitriflex aus dem Süden des Silicon Valley beteiligt, um sich als Zulieferer der Elektronik-Industrie zu profilieren.

Das Interesse am neuen Zentrum der Weltwirtschaft ist so groß, dass McKinsey als weltweit führende Unternehmensberatung und auch Detecon, die Beraterfirma der Telekom, Managertrips zur Bay organisieren. "Das sind keine Vergnügungsreisen", erklärt Justin Tacy von Detecon. "Viele Unternehmen wollen wissen, welche Chancen sie durch die Digitalisierung haben." Zufrieden mit einer solchen Reise war Stephan Gemkow, Vorstandsvorsitzender des Duisburger Familienkonzerns Haniel: "Das gab uns neue Impulse."

Wohin die Reise geht, lässt sich bei Metro, Telekom und Eon erkennen. Metro-Chef Olaf Koch, der früher selber eine Firma gegründet hatte, schaut oft im Valley vorbei. Konkrete Zusammenarbeit mit Start-ups wagt der Handelsgigant aber vorrangig in Berlin und New York, weil sich da mehr Technologie-Wissen rund um Essen und Trinken angesammelt hat.

"If you can't beat them, join them"(verbünde Dich mit übermächtigen Gegnern) - nach diesem Motto versucht die Telekom sich mit der US-Internetszene zusammenzuraufen. Sie war erster Vertriebspartner des iPhone in Deutschland, sie hat engste Kontakte zu Google und Facebook - immerhin stammt ein großer Teil des Telekom-Datenverkehrs von diesen zwei Quellen.

Die Wagnisfirma T-Ventures hält Anteile an verschiedenen Firmen wie Lookout als Spezialisten für die Absicherung von Handys gegen Hacker. Die Telekom will insgesamt an der US-Westküste mehr Beteiligungen und Kooperationen vereinbaren.

Dabei sucht der dafür zuständige Marc Sommer mit einigen "Scouts" vor Ort Partner, um das Telekom-Angebot in 13 Ländern Europas sowie den USA mit einer Vielzahl an Angeboten aufzupeppen. So ist die App Dropbox zum Abspeichern von Inhalten auf fast allen Android-Smartphones der Telekom (außer in Deutschland) vorinstalliert, der Notizdienst Evernotes kann in Europa als Premium-Version im ersten Jahr ohne die üblichen 40 Euro Zuschlag genutzt werden.

"Mit rund 150 Millionen Kunden weltweit und insbesondere unserer Kenntnis des zersplitterten europäischen Marktes sind wir für US-Internetfirmen ein attraktiver Partner", sagt Marc Sommer, "und wir sparen uns zu teure Eigenentwicklungen." Wenn sich Menschen über die Telekom beim global führenden Vermittler für freie Wohnungen, Airbnb, registrieren lassen, erhalten sie 30 Euro Bonus auf die Vermittlungsleistung. Mit iPass aus dem südlichen San Francisco vereinbarte der Konzern, dass Telekom-Kunden dessen globales Netz von 20 Millionen Hot-Spots nutzen dürfen.

Bei Eon reisen Konrad Augustin und seine Kollegin Ines Bergmann regelmäßig auf Technologiekonferenzen in den USA und anderen Ländern, um neue Partner zu finden. Sie besuchen auch häufig Gründerfirmen. Bei Fahrten in das Valley fahren sie lieber per Bummelzug als auf der Autobahn - nehmen aber per Uber einen Fahrer zum Bahnhof. "Ich bin die Staus ins Valley leid", erzählt Augustin vom Arbeitsalltag, "da setze ich mich lieber entspannt in den Zug, beantworte unterwegs Mails und lasse mich am Ankunftsbahnhof wieder abholen."

Beim Einstieg in junge Firmen setzt Eon eher auf Vertriebs- und Technikunterstützung als darauf, viel Geld zu verteilen. "Mit 33 Millionen Kunden in 15 Ländern Europas sind wir ein interessanter Partner für Technologiefirmen. Wir können interessante Anwendungen schnell verbreiten" sagt Augustin. Die amerikanischen Stromkonzerne haben jeweils viel weniger Kunden.

Meist investiert Eon drei bis fünf Millionen Euro in eine junge Firma, wobei das Unternehmen sich mit anderen Geldgebern zusammentut.

Eine der Vorzeigefirmen von Eon ist Songevity aus Oakland am östlichen Rand der Bucht von San Francisco. Das Unternehmen ist darauf spezialisiert, mit hochauflösenden Digitalkarten zu analysieren, wie teuer und ertragbringend die Installation einer Solaranlage bei einem Haushalt sein wird. Dies lässt Eon in Berlin und München ausprobieren. Ziel ist, einen möglichst hohen Marktanteil bei der Betreuung von Solaranlagen in Deutschland und in anderen Ländern zu haben.

In den USA hat Eon eine eigene Solarkapazität von 2700 Megawatt installiert, die auch aus den Eon-Offices in San Francisco gemanagt wird - das entspricht der Leistung von fast drei Kernkraftwerken.

Mit Greenwave aus Los Angeles vermarktet Eon eine Software, die Kunden hilft, per App auf dem Smartphone ihren Energieverbrauch im Haus besser zu steuern. Autogrid aus einem Vorort von San Francicso ist ein Partner, um gegen den häufigen Stromdiebstahl in Osteuropa vorzugehen - die Software erkennt, wo aus einem Netz zu viel Strom "verschwindet".

Quelle: RP
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