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Düsseldorf
Der ewige Chef

Paul-Otto Faßbender: Der ewige Arag-Chef
FOTO: Federico Gambarini
Düsseldorf. Paul-Otto Faßbender, Großaktionär und Führungsfigur des Versicherers Arag, wird heute 70. An Abschied denkt er noch lange nicht. Bis 2020 will er an der Spitze bleiben. Ob er danach abtritt? Das Porträt eines Überzeugungstäters. Von Georg Winters

Mit 70 haben die meisten Deutschen Werkstatt und Büro längst hinter sich gelassen. Sie pflegen ihre Hobbys, kümmern sich um Enkel, reisen durch die Weltgeschichte, spielen Golf. Ein Unternehmen mit Milliardenumsätzen und Tausenden Mitarbeitern zu führen, Tochterunternehmen im Ausland zu besuchen, Strategien für die dauerhafte Überlebensfähigkeit eines Konzerns zu entwerfen - das ist in diesem Alter nicht mehr der Normalfall.

Aber der will Paul-Otto Faßbender auch gar nicht sein. Seit fast 16 Jahren steht der Mann, der heute 70 Jahre alt wird, an der Spitze des Versicherungskonzerns Arag. Zur Feier seines Geburtstags hat er sich mitsamt Familie vorübergehend aus dem öffentlichen Leben verabschiedet, aber in ein paar Tagen wird er wohl wieder morgens am Schreibtisch sitzen. Wie üblich. Im Arag-Tower, der mit 125 Metern immer noch das höchste Bürogebäude der Stadt ist. Dabei könnte Faßbender auch häufiger auf den Flugplatz gehen und Cessna fliegen - immerhin hat er seit einem halben Jahrhundert einen Pilotenschein. Aber dafür ist auch noch zu wenig Zeit.

Vielleicht ändert sich das nach dem 74. Geburtstag. Faßbenders Vertrag läuft nämlich bis Juli 2020. Wann er tatsächlich die Verantwortung für das große Arag-Ganze in andere Hände legen will, ist seit Jahren ein gut gehütetes Geheimnis. Zwei Jahrzehnte als Arag-Chef will der Vorstandsvorsitzende auf jeden Fall vollmachen. Aber kann man sicher sein, dass er dann nicht Lust auf eine weitere Amtsperiode hat?

"Ich sehe meine Aufgabe als Vorstandsvorsitzender noch nicht als erfüllt an", sagt Faßbender und meint damit die noch stärkere Ausrichtung der Arag an ihren Kunden. Der Versicherer sei in Sachen Neuaufstellung und Zukunftsorientierung auf gutem Weg, betont er gleichzeitig. Und versichert: "Ich habe einfach Spaß, ein so gesundes Unternehmen zu führen."

Das klingt wahrlich nicht nach übereiltem Abschied. Der Mann ist Überzeugungstäter in der Branche. Und ein Unikat in Deutschlands Versicherungsgewerbe, das ja ohnehin nicht mehr vor reinen Familienunternehmen strotzt. Alleineigentümer der Fida und damit Mehrheitsaktionär der Arag (die Fida hält 77,2 Prozent der Anteile, Faßbenders Schwester den Rest) und gleichzeitig Konzernlenker - das gibt es kein zweites Mal.

Natürlich fühlt sich Faßbender in der Verantwortung gegenüber der Familientradition, die 1935 von seinem Großvater Heinrich begründet wurde. Aber er weiß, dass die nächste Ära auf jeden Fall ein Nicht-Faßbender prägen wird. Das hat der Noch-Chef schon angekündigt. Ein radikal anmutender Wandel in der 81-jährigen Geschichte der Arag. Aber familienintern ist für den Ehemann und Vater zweier Töchter nun mal kein Ersatz in Sicht.

Ohne dass es jemand bestätigt, darf man davon ausgehen, dass der Nachfolger schon im Vorstand sitzt. Zumindest würde das Faßbenders Vorstellung von Kontinuität entsprechen. Die potenziellen Kronprinzen, so wurde in der Branche schon mal angesichts von Faßbenders mehr als eineinhalb Jahrzehnten dauernder Amtszeit gespottet, könnten sich langsam fühlen wie Prinz Charles in Großbritannien.

Faßbender hat indes bei der Arag einen guten Job gemacht. Seit der amtierende Chef das Sagen hat, ist es bei der Arag ruhiger geworden, nach einer Zeit, in der das Unternehmen häufig wegen eines Familienstreits in den Schlagzeilen war. Die 90er Jahre waren geprägt vom Zwist mit dem Cousin Ludwig Faßbender, nachdem die Arag durch die "Garmenbeck"-Affäre 55 Millionen Euro verloren hatte - nach Geschäften mit einem Finanzjongleur namens Walter Amend, der mit atemberaubenden Renditeversprechen Anlegern Millionen aus der Tasche gezogen hatte. Ludwig Faßbender, damals Arag-Chef, geriet schwer in die Kritik, der Streit ging bis vor den Bundesgerichtshof. Am Ende übernahm Paul-Otto die Anteile seines Cousins, der 1998 ausschied. Der Familienstreit schien über Jahre schwer zu schlichten, aber mittlerweile ist Gras über die Angelegenheit gewachsen. Das Verhältnis der Faßbenders habe sich "normalisiert", heißt es.

Während der eine Faßbender für die Arag Vergangenheit ist, bastelt der andere an der Zukunft. Kontinuierlich hat er das Wachstum des Konzerns im Ausland vorangetrieben - mehr als ein Ausgleich für den über Jahre schwächelnden Heimatmarkt. Und: Faßbender pflegt die Unabhängigkeit der Arag, die er als Stärke des Versicherers sieht. Sein Credo: "Gestalten und langfristige Werte schaffen." Langfristigkeit - die Maxime gilt übrigens auch für das Sportsponsoring. Die Arag ist seit 15 Jahren Hauptsponsor des deutschen Tischtennis-Meisters Borussia Düsseldorf. Und damit natürlich auch der Tischtennis-WM, die in ziemlich genau einem Jahr in der Landeshauptstadt stattfindet. Ein bisschen Zeit dafür wird Paul-Otto Faßbender dann vielleicht haben.

Quelle: RP
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