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Bio-Wende im Handel
Supermärkte öffnen sich für hässliches Gemüse

Penny, Aldi und Co: Supermärkte öffnen sich für hässliches Gemüse
Krummes Gemüse wurde in Supermärkten bislang meist aussortiert. FOTO: dpa, pil cul lof
Düsseldorf. Über Jahrzehnte sortierte der deutsche Handel Obst und Gemüse aus, das in Form und Farbe nicht den Idealvorstellungen entsprach. Tonnen von zweibeinigen Möhren oder krummen Gurken landeten im Eimer. Jetzt aber zeichnet sich ein Umdenken ab. Die Discounter marschieren vorneweg.

Zweibeinige Möhren, krumme Gurken, Zitronen mit grünen Flecken: Das waren lange Produkte, um die der deutsche Handel einen Bogen machte. Doch das scheint sich jetzt zu ändern. Das jüngste Beispiel gibt der Discounter Penny, der von Montag kommender Woche (25. April) an deutschlandweit in seinem Bio-Sortiment der Eigenmarke Naturgut auch Obst und Gemüse verkaufen will, das bislang wegen Farb- oder Formfehlern nicht den Weg in die Regale schaffte.

"Bio-Landwirte sollen auch äußerlich nicht perfekte Erzeugnisse in den Handel bringen können, statt sie unter ihrem Wert in die industrielle Weiterverarbeitung geben zu müssen", begründet Penny-Chef Jan Kunath den Vorstoß.

Penny gewährt keinen Preisnachlass

Was bemerkenswert dabei ist: Einen Preisnachlass für die als "Bio-Helden" vermarkteten "nicht normgerechten" Produkte soll es nicht geben. Sie werden ganz einfach zusammen mit den "normalen" Produkten verpackt. Schließlich seien sie qualitativ und geschmacklich einwandfrei, heißt es. Es werde einfach nicht mehr alles aussortiert, was nicht dem gängigen Schönheitsideal in Größe und Form entspreche.

Ugly Fruits: Krummes Obst und Gemüse FOTO: ugly fruits; Werbeagentur LAUTHALS

Axel Altenweger, Betriebsleiter auf dem Klostergut Wiebrechtshausen, betont die Vorteile für die Landwirte: "Jetzt kann ich größere Mengen zu angemesseneren Preisen in den Handel bringen", meint er.
Ökologischer Anbau werde dadurch lohnender.

Doch auch bei Verbraucherschützern stößt die Idee auf Zustimmung. "Biobauern haben so viel Aufwand", sagt Silke Schwartau, Lebensmittelexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg. Bei einer Umfrage der Verbraucherzentrale auf ihrer Facebook-Seite zeigten die allermeisten Kommentare eine große Bereitschaft, die Optik von Obst und Gemüse weniger wichtig zu nehmen. Eine Antwort lautete kurz und knapp: "Ich habe noch nie verstanden, warum es bei Gemüse und Obst um's Aussehen und nicht um den Geschmack geht."

Aldi Nord spricht von "höherer Toleranz"

Bis zu 40 Millionen Packungen mit den qualitativ einwandfreien, aber vom Aussehen her gewöhnungsbedürftigen Produkten will Penny binnen eines Jahres unter die Leute bringen.

Saisonkalender für Obst und Gemüse FOTO: dpa, Peter Kneffel

Ganz allein ist das Unternehmen mit seiner Initiative allerdings nicht. Auch der Konkurrent Aldi Nord besteht zwar bei normalem Obst und Gemüse auf Ware der Handelsklasse 1. Doch bei Produkten aus ökologischem Anbau habe der Discounter "eine höhere Toleranz bezüglich Form, Ausfärbung oder der äußeren Beschaffenheit", betonte eine Sprecherin. Schließlich kommt es im ökologischen Landbau durch den Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und leicht lösliche Düngemittel eher zu Schalenfehlern oder kleineren Früchten.

Andere Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Netto bringen Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern bei zeitlich befristeten Verkaufsaktionen an die Kunden. Die meist aus konventionellem Anbau stammenden Produkte gibt es dann allerdings in der Regel zu deutlich herabgesetzten Preisen.

Andere Händler setzen auf Aktionen

So verkaufte Edeka bereits Ende 2013 unter dem Motto "Keiner ist perfekt" testweise in einigen Märkten Obst und Gemüse mit Fehlern. Auch in Zukunft seien ähnliche Aktionen denkbar, betonte Deutschlands größter Lebensmittelhändler. Allerdings sei das Angebot solcher "nicht perfekter Ware" seitens der Erzeuger geringer als erwartet. Denn für diese Produkte gebe es bereits heute gut funktionierende Vermarktungswege zum Beispiel in der Lebensmittelindustrie.

Der zum Edeka-Reich gehörende Discounter Netto veranstaltet regelmäßig nationale und regionale Verkaufsaktionen von Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern aus deutschem Anbau. Der Penny-Mutterkonzern Rewe setzt auf eine "situationsbezogene Vermarktungsstrategie". So verkaufte Rewe 2013, als die kühle Witterung die Apfelernte in Deutschland beeinträchtigte, Obst unter dem Motto "Kleine Äpfel, großer Geschmack".

Eine Selbstverständlichkeit ist der gelassene Umgang mit dem etwas anderen Obst und Gemüse ohnehin längst in den meisten Bio-Läden in Deutschland. Fernando Krokisius, Einkaufsmanager der Bio-Supermarktkette Alnatura, meinte in einem Interview mit dem Fachblatt "Lebensmittel Praxis" einmal: "Unsere Kunden freuen sich sogar über krummes Gemüse."

(pst/dpa)
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