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München
Professor Scharfsinn geht in Rente

München. Er ist der bekannteste Wirtschaftsprofessor Deutschlands - für Kritiker hingegen "Professor Unsinn". Nun tritt Hans-Werner Sinn ab.

Als Schüler wollte Hans-Werner Sinn Missionar werden. Er war Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer und der Sozialistischen Jugend "Die Falken", las jedes greifbare Biologiebuch und wollte später mal auf den Spuren Albert Schweitzers in die Dritte Welt. Das Sendungsbewusstsein ist dem 67-jährigen Professor und scheidenden Präsidenten des Ifo-Instituts geblieben.

17 Jahre leitete er das Institut für Wirtschaftsforschung in München, besser bekannt als Ifo-Institut. Doch nun ist Schluss. Gestern wurde Sinn mit einem Festakt und einem Symposium in Anwesenheit von Politik und Wirtschaft - angekündigt hatten sich unter anderem Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann - in den Ruhestand verabschiedet.

Sinn steht seit Februar 1999 an der Spitze des Ifo- Instituts. Unter seiner Leitung erlangte das bis dahin weitgehend unbedeutende Institut wissenschaftliches Ansehen. Der monatlich veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex gilt heute als wichtigster Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Der Professor mit dem markanten Bart gehört zu den bekanntesten deutschen Ökonomen und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Sein Nachfolger wird im April der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Clemens Fuest.

Sinn suchte das Rampenlicht und ging für seine Überzeugungen keinem Streit aus dem Weg. Im Unterschied zu früher, da sei er sehr schüchtern gewesen, sagt er: "Bei meiner ersten Vorlesung habe ich mir fast in die Hosen gemacht."

Nach dem Studium in Münster bewarb sich der Volkswirt bei einem Gewerkschaftsinstitut, erfolglos. Stattdessen machte er in der Wissenschaft rasant Karriere. Mit 33 Jahren kam er als Professor von Mannheim nach München, lehrte später als Gastprofessor in Stanford und Princeton. 1999 ließ er sich dann beknien, das ausgelaugte Ifo-Institut neu aufzubauen - mit Erfolg. Nobelpreisträger Robert Solow lobte: "Er hat München zu einem der Weltzentren für Wirtschaftsforschung gemacht."

Allerdings hagelte es auch immer wieder Kritik - der Professor, der gern gegen den Strich bürstet, wurde auch schon als "Professor Unsinn" oder "Boulevardprofessor" geschmäht. Mit seiner Kritik am Griechenland-Rettungspaket eckte er ebenso an wie mit der Forderung nach Lohnzuschüssen statt Mindestlohn. Aber "es schmerzt, wenn mir Aussagen untergejubelt werden, die ich gar nicht gemacht habe", sagt Sinn.

Soeben wurde Sinn vom Deutschen Hochschulverband zum "Hochschullehrer des Jahres" gekürt, als "Wissenschaftler, der allein der Rationalität verpflichtet ist und politischen Opportunismus nicht kennt". Am 31. März geht der Münchner Professor in Pension. Einladungen zu Talkshows über die Flüchtlingskrise hat er bereits abgelehnt: "Ich freue mich auf ein lebenslanges Freisemester."

(dpa)
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