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Eine neue Art des Tourismus entwickelt sich: Eldorado für Schnäppchenjäger: Fabrikverkäufe und Outletcenter

zuletzt aktualisiert: 12.03.2004 - 08:49

Die Deutschen sind kollektiv zu Geizkrangen mutiert. In Europa sind die Deutschen neben den Polen derzeit die Schnäppchenjäger schlechthin, hat eine neue Studie herausgefunden. Kein Wunder, dass Lagerverkäufe und Outlet-Center wie Pilze aus dem Boden schießen. Ein regelrechter Tourismus entwickelt sich um die Verkaufszentren herum.

Wer früher extra zur Designerfabrik von Hugo Boss ins Schwabenland fuhr, um dort günstig ab Werk einen Anzug zu ergattern, wurde noch mitleidig belächelt. Heutzutage ist es zum Volkssport der Deutschen geworden, in Designer-Outlets oder bei Lager- und Fabrikverkäufen gezielt auf die Jagd nach Sonderangeboten zu gehen. Die deutschen Verbraucher sind neben den Polen derzeit die Schnäppchenjäger Europas, wie Matthias Hauck von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg bei seiner neuen Studie herausfand.

Während der klassische Einzelhandel in den Innenstädten schwächelt, boomt das Geschäft direkt vom Hersteller auf der grünen Wiese. Schätzungsweise 2.000 Einkaufsmöglichkeiten ab Werk gibt es inzwischen in Deutschland. Und zwar für jede Art von Ware, ob Mode, Möbel, Haushaltswaren. Bei permanenten Preisnachlässe zwischen 20 und 60 Prozent herrscht in der Regel Massenandrang - selbst in den hintersten Winkeln der Republik.

In die Porzellan-Stadt Selb etwa locken Weltmarken wie Rosenthal oder Villeroy & Boch mit günstigen Preisen ab Werk. Die Käufer kommen in Scharen, kaum eine Anreise ist zu weit. Der Weg lässt sich häufig auch mit weiteren Fabrikverkäufen kombinieren. Organisierte Busreisen bringen Einkaufslustige aus allen Bundesländern nach Oberfranken.

Das Mekka Metzingen

Oder der Weg führt nach Metzingen, wo sich in der Nachbarschaft des Lagerverkaufs von Boss mittlerweile fast 40 weitere Edelschneider mit ihren Outlet-Geschäften und Dumping-Preisen ansiedelten. Das einst verschlafene Örtchen nahe Stuttgart rühmt sich heute, das "Mekka des Fabrikverkaufs" zu sein. Als Käufermagnet im Norden gilt unter anderem B5, das Designer-Outlet-Zentrum außerhalb Berlins. Schnäppchenführer in Buchform wie auch Internet-Tipps weisen den Weg zu hunderten weiterer "Geheimadressen" bundesweit.

Ein regelrechter Shopping-Tourismus entwickelt sich neuerdings entlang der Hauptreiserouten quer durch Bayern, speziell rund um die viel befahrene Autobahn A3/A9 Frankfurt-Nürnberg-München. Alle 50 bis 100 Kilometer schießt da ein Outlet aus dem Boden. Die meisten sind von der Autobahn aus nicht zu übersehen. Andere liegen etwas versteckter - wie etwa bei Herzogenaurach in Franken, wo unter anderem gerade die Sportartikelriesen Adidas-Salomon und Puma neue Wege im Direktverkauf gehen.

Etwas weiter nördlich, im Einzugsgebiet von Würzburg und Frankfurt, steht das nagelneue Outlet-Center "Wertheim Village". Erbaut im Stil eines US-Freizeitparks, vereint es Marken wie Mexx, Versace, Quicksilver, Reebok oder Bally unter einem Dach. "Die Leute kommen aus ganz Deutschland. Wir sind mit dem Besucherandrang mehr als zufrieden", berichtet Gisela Kühne, Marketingexpertin der Betreiberfirma Value Retail. Nur etwa 200 Kilometer weiter südlich, ebenfalls direkt an der A9 bei Ingolstadt, baut das Unternehmen schon am zweiten Shopping-Center für Luxusmarken zum Billigpreis. Es soll Anfang 2005 öffnen.

Keine Raubkopien zu befürchten

"Dass die Verkehrsströme Richtung Urlaubsziele vom Handel genutzt werden, ist nicht verwunderlich", betont Konsumforscher Hauck und meint: "Die Zahl der Outlets wird noch weiter wachsen, weil sie die zunehmende Nachfrage der Deutschen nach Sonderangeboten sowie die Lust am Kaufen bedient."

"Für Verbraucher ist der Outlet-Boom nur vorteilhaft", erläutert Markus Saller, Jurist der Verbraucherzentrale Bayern. Die Ware kann unter anderem deshalb so günstig angeboten werden, weil Groß- und Zwischenhändler in der Vertriebskette wegfallen. Häufig werden in Outlets auch Überschussproduktionen, Auslaufmodelle, Retouren, Angebote aus der Vorsaison oder Restposten aus dem Lager gehandelt. Manchmal wird zweite Wahl mit kleinen Mängeln verkauft. "Raubkopien oder Piraterie-Waren braucht man in Outlets aber nicht befürchten", betont Saller. Eine Garantie bekommt der Käufer wie im Einzelhandel auch. Einziger Nachteil: Der Umtausch ist häufig ausgeschlossen oder schwierig wegen langer Anfahrtswege.

"Früher wollten die Firmen nicht, dass ihre Marken und Kollektionen günstig auf dem Wühltisch landen, da wurden Bestände sogar verbrannt", berichtet Gisela Kühne von Value Retail. Heute brauche die Branche einen weiteren Absatzkanal. Das Direktgeschäft zum Endkunden sei dafür ideal. Offenbar gilt das für beide Seiten.


 
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