Unkalkulierbare Ereignisse: Der Schwarze Schwan über der Börse
VON KLAUS KRAUSE - zuletzt aktualisiert: 23.08.2011 - 09:15Düsseldorf (RPO). Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat der jüngste Börsencrash Millionen Kapitalanleger in aller Welt getroffen. Ohne Vorwarnung, ohne Alarmsignal. Auch die sonst so gescheiten Analysten und Vermögensverwalter hatten (wieder einmal) keinen blassen Schimmer. Dieses Phänomen hat einen Namen: Schwarzer Schwan.
In die Welt gesetzt hat ihn der amerikanisch-libanesische Wissenschaftler Nassim Taleb in seinem Bestseller „The Black Swan“. Er vertritt die Auffassung, dass sich Katastrophen an den Finanzmärkten nicht durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen vorhersagen und vermeiden lassen. Sein „Schwarzer Schwan“ ist Sinnbild für extrem seltene Ereignisse, die sich niemand vorstellen kann, die sich aber gleichwohl ereignen. Wie der Börsencrash dieser Tage.
Der 51jährige Nassim Taleb gilt als einer der klügsten Köpfe der Welt, als Philosoph des Restrisikos“. Bevor er eine zweite Karriere als Forscher in den Bereichen Statistik, Zufall und Wissenschaftstheorie startete, war der studierte Mathematiker als Experte für komplexe Finanzderivate bei internationalen Großbanken an der Wallstreet tätig und verdiente nebenbei ein Vermögen an der Börse. Der Mann weiß wovon er spricht. Er geht hart ins Gericht mit dem Risikomanagement seiner früheren Kollegen. Er wirft ihnen vor, gerade Extrem-Risiken systematisch zu unterschätzen.
Der Grund für diese Nachlässigkeit liegt nach Auffassung von Taleb darin, dass die meisten Risikomodelle auf Wahrscheinlichkeiten und Prognosen beruhen, die aus Kursschwankungen und Abweichungen der Vergangenheit abgeleitet werden. Extremes wird ausgeblendet, weil es sich nach der Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit nicht wiederholt. Es gilt die Formel: Je extremer, desto seltener.
Schutz vor dem Schwarzen Schwan
Nach dem dritten Börsencrash innerhalb von zwölf Jahren flüchten Anleger derzeit in Scharen aus Aktienanlagen. Sie haben die Nase gestrichen voll nach den verheerenden Kurseinbrüchen der Dotcom-Krise 2002, der Lehmann-Pleite 2008 und der jetzigen Staatsschuldenkrise in den USA und Europa. Gibt es keinen Schutz vor dem Schwarzen Schwan? „Auch Privatanleger können und sollen Black Swans bei ihrer Finanzplanung berücksichtigen“, meint Reinhold Hafner, Chef von Risklab, einer Tochtergesellschaft von Allianz Global Investors, die Strategien gegen Schwarze Schwäne entwickelt.
Entscheidend dabei seien nicht hellseherische Fähigkeiten in der Ortung von Katastrophen. Wichtig sei vielmehr, auf das Undenkbare vorbereitet zu sein. Fragt sich nur, wie? Hafner empfiehlt Depots mit „asymmetrischen Renditeprofil“. Hinter diesem Begriff steckt auch nicht mehr als die alte Börsenweisheit: Gewinne laufen lassen und Verluste frühzeitig begrenzen. Hafner dazu: „Man vermeidet also die Extreme nach unten, bleibt aber sehr flexibel, wenn es an den Wiedereinstieg geht“. So schlau sind viele Privatanleger auch schon. Die offene Wunde ist die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, wann verkaufen, wann wieder einsteigen?
Zurück zur Natur
Welche Antworten bietet Nassim Taleb selbst, der in seinem 2007 publizierten Bestseller über die Schwarzen Schwäne eindringlich vor den Gefahren durch die Konzentration und gegenseitige Abhängigkeit im Bankenwesen gewarnt hatte. In einem kürzlich erschienenen Ergänzungsband empfiehlt er interessanter Weise „Robustheit“, allerdings in einem anderen Sinne als vermutet. Robustheit sieht er in kleinen Systemen, wie sie in der Natur auch schwere Katastrophen überleben, Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit in den großen, vernetzten Organisationen der globalisierten Gegenwart.
Er folgert daraus, dass Systeme nicht so groß sein dürften, dass ihr Zusammenbruch katastrophale Folgen für das Ganze heraufbeschwört. In der Praxis würde das bedeuten, Banken dürften nicht zu groß werden und unüberschaubare Risiken eingehen, Schulden dürften nicht überhand nehmen, Investitionen nicht zu gigantisch ausfallen. Unser Leben eine Nummer kleiner, bescheidener, überschaubarer. Aber lässt sich das Rad der Globalisierung noch zurückdrehen?
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