Wieder im Trend: Sichtbeton: Puristisches Gestaltungselement
zuletzt aktualisiert: 07.04.2005 - 08:24Düsseldorf (rpo). Wer Beton sieht, der denkt an Bausünden - vor allem an die der siebziger Jahre. Beton galt lange Zeit als seelenlos und wurde als Synonym eben dieser baulichen Fehltritte angesehen. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Der Werkstoff ist wieder modern - als Gestaltungselement für Wände, Treppen und sogar Möbel. Das Gemisch aus Zement, Beton und Wasser ist nicht nur robust und umweltfreundlich, es wirkt sich auch positiv auf das Raumklima aus. Außerdem lässt sich der "flüssige Stein" kreativ formen und bearbeiten.
Getreu dem Motto "Weniger ist mehr" wirkt Sichtbeton immer puristisch und ursprünglich. Sein besonderer Reiz liegt in der lebendigen Oberfläche. "Von sägerau bis samtglatt - die Oberfläche ist das Spiegelbild der Schalung, in welche der flüssige Beton gegossen wird", sagt Lutz Wittmann vom Bundesverband der Deutschen Zementindustrie in Düsseldorf. Eine Hülle aus ebenem Stahl garantiert eine scharfkantige, glatte Fläche. Raue Bretter hinterlassen eine versteinerte, grobe Holzmaserung. Mithilfe von Gussmatrizen werden ganz individuelle Reliefs geformt.
Spiel mit Farben und Formen möglich
Die Fugen, die an den Nahtstellen der einzelnen Schalelemente entstehen, müssen von Anfang an berücksichtigt werden: Je nach Geschmack werden sie hervorgehoben, in Schattenzonen verlegt oder auch kaschiert. "Neben der Schalung bestimmt die Zusammensetzung und Körnung des Betons seine Struktur", erklärt Wittmann. Durch die gezielte Auswahl des so genannten Betonzuschlags - zum Beispiel Granit, Quarz, runder Kies, eckiger Splitt, aber auch Metall oder Glasgranulat - wird mit Farben und Formen gespielt.
Nach dem Erhärten kann die Betonoberfläche behandelt und die Struktur damit zusätzlich hervorgehoben werden: Geschliffene und polierte terrazzoartige Flächen sind genauso möglich wie Effekte, die an Steinmetzarbeiten erinnern. Sichtbeton lässt sich hervorragend mit anderen Werkstoffen kombinieren. Reizvolle Akzente entstehen durch das Zusammenspiel mit edlem Stahl: In einem Loft strukturieren Stahlträger Betonwände und weit gespannte Decken. Fugen zwischen Betonelementen werden durch eingelegte Leisten aus nicht rostendem Stahl zum Blickfang.
Der richtige Partner für Beton
Auch Glas ist ein guter Partner für den Werkstoff - nicht nur an großen Fensterflächen, für die Beton durch seine große Spannweite die besten Voraussetzungen schafft. Es gibt sogar Wandelemente mit integrierten Glasfasern, die Lichtspuren durchlassen. "Hierbei wird ein Betonstrang mit einbetonierten Glasfasern hergestellt", erläutert Andreas Nitsch, Geschäftsführer der Fachvereinigung Deutscher Betonfertigteilbau in Bonn. Dann wird der Strang in Scheiben geschnitten, zu einer Wand zusammengesetzt und geschliffen.
Bei der Auswahl des Zementes gilt es, auf dessen jeweilige Farbwirkung zu achten. Hochofenzemente beispielsweise sind hellgrau, Portlandölschieferzement dagegen ist rötlich braun. "Außerdem kann Sichtbeton bereits vom Hersteller durch Farbpigmente dauerhaft eingefärbt werden", so Nitsch. Alternativ könne er nachträglich lasiert werden, ohne dass die Struktur ihre Lebendigkeit einbüßt.
Nackte Tatsachen: Sichtbeton pur
Tapeten, Putze und deckende Anstriche haben dagegen auf Sichtbeton nichts zu suchen: Sie würden alle Strukturmerkmale unsichtbar machen. Sichtbeton kann entweder vor Ort gegossen oder als im Werk produziertes Fertigteil eingebaut werden. "Das Haupteinsatzgebiet von Sichtbeton ist der Neubau", erläutert Wittmann. Doch auch bei der Sanierung von Altbauten findet der Werkstoff Verwendung.
Das Material der Wahl ist Beton bei der Aufstockung von Wohnhäusern oder Loftgebäuden. "Durch seine großen Spannweiten ist Beton der ideale Baustoff für großflächige Decken und ermöglicht eine großzügige und transparente Architektur", sagt Nitsch. Da das Material Beton nicht verkleidet, sondern sichtbar gelassen wird, werde auch die Konstruktion des Gebäudes offengelegt.
Durch die Betonzusammensetzung, das Material, die Schalung, Oberflächenbehandlung und Farbgebung entstehen Flächen, die immer Unikate sind. Ihr großer Nachteil: "Jeder Fehler ist sofort erkennbar, ebenso die eventuellen Ausbesserungen", warnt der Berliner Architekt und Sachverständige Joachim Schulz. Deshalb ist die Auswahl des Bauunternehmens bei der Gestaltung von Sichtbeton besonders wichtig. "Ein Maurer wird in der Regel nicht in der Lage sein, Sichtbeton herzustellen", sagt Wittmann. Gefragt seien Firmen, die häufig mit dem Werkstoff arbeiten. Da es keine DIN-Vorschrift für Sichtbeton gibt, sollte laut Schulz vor Baubeginn eine "fachgerechte Leistungsbeschreibung" erstellt werden.
Beton - nicht nur für Wände und Decken
Designer entwerfen auch Betonaccessoires und -möbel für den Wohnraum. So gestaltet der Berliner Künstler Max Kant Wandflächenheizungen. Couchtische und Waschbecken gibt es bei "Villa Rocca" in Freiburg. Vitrinen, Weinregale und Sitzmöbel sind bei "Living Concrete" in Köln zu haben. Und die Esslinger Designer von "Form in Funktion" präsentieren sogar Stereoboxen und Sideboards. Die Gebrauchseigenschaften der Möbel sind denen von Naturstein ähnlich. Noch sind solche Designerobjekte allerdings hochwertige Einzelteile.
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