Mit dem Mediziner gegen die Schimmelpilze: Wenn die Wohnung krank macht
zuletzt aktualisiert: 31.12.2002 - 10:00Schwermetalle, Pestizide oder Asbest - oft lauern sie in den eigenen vier Wänden und verursachen Krankheiten. Umweltmediziner spüren diese Gefahrenquellen auf.
Der Alarm im Kinderzimmer schlägt fast in jeder Nacht an. Immer dann, wenn Miriam schon seit 20 Sekunden nicht mehr atmet. Durch zwei Elektroden wird die Herz- und Atemfrequenz des 13 Monate alten Kindes, während es schläft, ständig überwacht. Die Ursache dafür ist ungewiss. Der schwarze Staub jedoch, der wie ein Film die Möbel, den Boden und die Stofftiere in der Wohnung bedeckt, ist Miriams Eltern, Thorsten und Renate, schon lange verdächtig. "Wenn die Kleine auf dem Boden krabbelt, bekommt sie schwarze Füße - auch wenn ich zwei Tage vorher geputzt habe", erklärt die 27-jährige Mutter. "Und die Fenster sind von innen dreckiger als von außen." Als Miriam für eine Woche zur Untersuchung im Krankenhaus schlief, habe sie keine Atemaussetzer gehabt. Seitdem vermuten die Eltern die Ursache für die Krankheit ihrer Tochter in der Mietwohnung, die sie erst kurz vor Miriams Geburt bezogen haben. In seiner Ratlosigkeit wandte sich das Paar an Ralph Köllges, Kinderarzt und Umweltmediziner.
Augenbrennen, Husten, Kopfweh
Drei bis vier Mal pro Woche macht der 39-Jährige Hausbesuche nach Praxisschluss. Dann nicht um Masern und Windpocken zu bekämpfen, sondern um Schimmelpilzen, feuchten Stellen, Holzschutzmitteln, Allergie auslösenden Naturstoffen, Formaldehyd und Ähnlichem auf die Spur zu kommen. "Die meisten Patienten, die mich um Hilfe bitten, klagen über chronischen Husten, Augenbrennen oder Kopfschmerzen", erklärt er.
Die 82-Quadratmeter-Wohnung von Thorsten und Renate in einem Mönchengladbacher Wohngebiet wirkt auf den ersten Blick völlig unverdächtig. Aufgeräumt und sehr sauber. Sie liegt in der dritten und obersten Etage - von der Hauptverkehrsstraße, an der das etwa 20 Jahre alte Mehrfamilienhaus liegt, ist nichts zu hören. Köllges füllt den Fragebogen aus: Lautstärke und Helligkeit sind angenehm, die Luftfeuchtigkeit ist mit 45 Prozent okay. Der Mediziner ist mit Kamera, Zollstock, Messgerät und diversen Werkzeugen ausgerüstet.
Mit dem Allegikerkisten Milben an den Kragen
Beim Rundgang durch die Wohnung hält Köllges am Kopfkissen der kleinen Miriam inne, doch die jungen Eltern haben keinen Fehler gemacht: eine waschbare Kunststofffüllung. "Wir raten von Federfüllungen ab, weil sie nicht in der Maschine gewaschen werden können, um sie von Milben zu befreien. Wer auf spezielle Allergiker-Kissen verzichtet, kann sich statt einem besser drei günstige Kissen leisten und die dafür alle vier Wochen waschen", erklärt der Fachmann.
Dann nimmt Köllges die Nase zur Hilfe: Der Schrank in Miriams Zimmer - ein Jahr alt - riecht leicht stechend. "Vielleicht Formaldehyd." Der Arzt macht ein Foto für die Akten. Im Bad findet er den Rest eines Schimmelpilzes an der Decke; die Fugen über der Badewanne hingegen sind bemerkenswert sauber. "Keine Kunststoffwanne", hält er positiv fest. "Die bewegen sich stark und erzeugen so Risse in der Wand. Ich habe schon Häuser gesehen, wo in der Wohnung drunter dadurch die ganze Decke nass geworden war."
Ungesunde Dachkonstruktionen unter die Lupe nehmen
Mit dem Messgerät checkt Köllges in der gesamten Wohnung die Wände auf der Suche nach Feuchtigkeit ab. Ergebnis: alle Mauern trocken.
Der Kinderarzt will den nicht ausgebauten Dachboden, der direkt über der Wohnung liegt, in Augenschein nehmen. Und was er am Ende der ausgezogenen Holzstiege entdeckt, lässt den Fachmann staunen. Nackte Glaswolle auf Rigipsplatten - "ein Schritt und ich hänge mit dem Fuß durch die Wohnungsdecke." An der Stelle, durch die das Kabel der Deckenlampe geführt ist, kann man durch ein Loch in Miriams Kinderzimmer sehen. Köllges ist entsetzt: "So eine Dachkonstruktion kann nicht gesund sein." Die Vermutung, dass der Staub seine Ursache auf dem Dachboden hat, liege nahe. Eine so schnelle und offensichtliche Diagnose gibt`s nicht oft.
Der Mediziner wird eine Laboranalyse beantragen. Der gesamte Staub soll auf giftige Stoffe bis hin zu Schwermetallen untersucht werden, die künstlichen Mineralfasern auf Asbest. Auch der Schimmelpilz im Bad wird - so es der Vertrauensarzt der Kassenärztlichen Vereinigung in Düsseldorf genehmigt - genau geprüft.
Zehn Minuten Lüften gegen Schimmel
Übrigens: Schon zehn Minuten Lüften am Tag verringert die Gefahr von Schimmelbildung in Wohnräumen deutlich. Dafür sollten die Fenster aber ganz geöffnet und, wenn möglich, auch ein Durchzug hergestellt werden. Das Fenster nur zu kippen ist wirkungslos und verschwendet lediglich Heizenergie. Die besten Bedingungen findet Schimmel, wenn die Luftfeuchtigkeit etwa 80 Prozent beträgt und der Raum 20 Grad warm ist.
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