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Netto-Verluste, sinkende Renten: Aussichten für Geringverdiener sind düster

zuletzt aktualisiert: 19.07.2011 - 12:27

Düsseldorf (RPO). Gleich zwei Nachrichten zum Wochenbeginn treiben Deutschen mit kleinen Einkommen neue Sorgenfalten ins Gesicht. Nach Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sinken die Nettoeinkommen bei Geringverdienern drastisch. Gleichzeitig sank besonders im Osten die Höhe der Rentenanwartschaft spürbar. Ein drängendes Problem. Denn die Gruppe der Geringverdiener in Deutschland wächst weiter.

Der Anteil der Geringverdiener in Deutschland steigt. Klicken Sie auf die  Foto: Hans Böckler Stiftung
Der Anteil der Geringverdiener in Deutschland steigt. Klicken Sie auf die Foto: Hans Böckler Stiftung

Schlechte Nachricht Nummer 1: Die realen Nettolöhne von Geringverdienern sind seit der Jahrtausendwende stark gesunken. Bei Beschäftigten in den unteren Einkommensgruppen betragen die Einbußen einem Bericht der "Berliner Zeitung" zufolge 16 bis 22 Prozent. Im Durchschnitt aller Beschäftigten seien die Nettogehälter zwischen 2000 und 2010 preisbereinigt um 2,5 Prozent zurückgegangen. Die Zeitung beruft sich auf Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Schlechte Nachricht Nummer 2: Bereits am Montag hatte die "Saarbrücker Zeitung" von sinkenden Rentenanwartschaften in West und Ost berichtet. Wer demnach 2004 in den alten Bundesländern 60 Jahre alt war, hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine Rente von durchschnittlich 717 Euro erarbeitet. Bei einem Bürger im Westen, der erst 2009 das 60. Lebensjahr erreicht hatte, waren es nur noch 710 Euro, also sieben Euro weniger. Im Osten ist der Verlust noch größer. Hier schrumpfte die monatliche Rente um 67 Euro (von 922 auf 855 Euro). Als Ursache für diesen Besorgnis erregenden Trend gelten Ausfälle wegen Arbeitslosigkeit, der Anstieg bei geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse sowie vorzeitiger Ausstieg aus der Arbeitswelt.

Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat des Bundes, setzt sich seit Monaten für die Einführung von Eurobonds ein. Foto: Hans Böckler Stiftung

Wachsende Probleme: Die Angst vor Kaufkraftverlust und Schrumpf-Renten betrifft in Deutschland Studien zufolge immer mehr Menschen. Nach Daten der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wächst der Sektor der Deutschen mit niedrigen Löhnen seit dem Jahr 1998 beständig an. Im Jahr 1998 waren demnach 4,29 Millionen Deutsche in diesem Lohnsegment beschäftigt. Im Jahr 2004 stieg die Zahl auf 5,9 Millionen Menschen, vier Jahre später stieg der Anteil auf 6,55 Millionen Beschäftigte. Dies entspricht einem Zuwachs von 2,3 Millionen Betroffenen in einem Jahrzehnt. Deutlich über 60 Prozent der Betroffenen haben einen Berufsschulabschluss. Den Berechnungen liegt eine Niedriglohnschwelle von 9,50 Euro pro Stunde im Westen und 6,87 Euro im Osten zugrunde.

Forderung nach Mindestlohn: Die Debatte über Sinn- und Unsinn von Mindestlöhnen tobt in Deutschland seit Jahren. Die schwarz-gelbe Bundesregierung lehnt einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn bislang ab. Der Arbeitnehmerflügel der Union will die Partei aber zu einem Kurswechsel bewegen und setzt sich für einen Mindestlohn ein, dessen Niveau von Arbeitgebern und Gewerkschaften festgelegt werden soll. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit sprach sich indes vor wenigen Tagen deutlich für Mindestlöhne aus. "Eine Sicherung nach unten ist richtig", sagte Frank-Jürgen Weise in einem Interview mit "Zeit Online".

Wissenschaftler fordern indes Alternativen, Arbeitnehmer stärker am wirtschaftlichen Aufschwung zu beteiligen. "Die Wirtschaft ist seit der Jahrtausendwende ordentlich gewachsen", erklärte DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka der "Berliner Zeitung". Die Gewinne und Vermögenseinkommen seien "insgesamt sogar kräftig gestiegen". Doch bei vielen Erwerbstätigen sei vom Wirtschaftswachstum nichts angekommen.

Entlastung bei Sozialabgaben: Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger warf der Bundesregierung Untätigkeit vor. "Es gibt Möglichkeiten, die Löhne zu stabilisieren. Doch die Politik interessiert sich nicht dafür", glaubt Bofinger. Der Experte plädiert dafür, Arbeitnehmer bei den Sozialabgaben zu entlasten. So sollten die Arbeitgeber künftig wieder die Hälfte der Beiträge für die gesetzliche Krankenversicherung übernehmen. "Eine solche Rückkehr zur Parität würde den Staat keinen Cent kosten", betonte der Professor von der Würzburger Universität. Das Credo: Steigende Löhne stabilisieren auch die Renten der Deutschen.

Der Freiburger Professor Bernd Raffelhüschen stört sich indes an der schwelenden Rentendebatte. Deutschlands Rentensystem sei weitaus besser abgesichtert als bei den meisten unserer Nachbarn in Europa. Auch den Rentnern in Ostdeutschland ginge es so gut wie noch nie, sagte der 53-Jährige laut einem Bericht der "Thüringer Allgemeinen". Sein Fazit: "Das ist Jammern auf hohem Niveau."

Quelle: RTR/AFP/DAPD/csi

 
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