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Deutschlands Fleisch-Statistik: Jeder isst 90 Kilogramm pro Jahr

VON JÖRG ZITTLAU - zuletzt aktualisiert: 21.01.2012 - 02:30

Düsseldorf (RP). Deutschland hält in der EU bei der Rinderhaltung Platz zwei, bei Schweinen Platz eins. Damit wird mehr Fleisch erzeugt, als wir eigentlich benötigen. Doch deutsches Fleisch ist gefragt, und große Mengen gehen ins Ausland. Die Folge: Deutschland importiert jährlich 2,5 Millionen Tonnen.

Der Lebensmittelhersteller Vion soll Fleisch aus dem Ausland umetikettiert und als deutsches Fleisch teuer weiter verkauft haben, mehr als 150 Ermittlungsbeamte haben die Firmenräume in Hilden untersucht. Die Vorwürfe rücken einen Bereich der Lebensmittelwirtschaft in den Blickpunkt, der sich schon längst von kleinbetrieblichen Bauernhöfen und Schlachtereien verabschiedet hat.

Die moderne Fleischindustrie beeindruckt durch gigantische Umsatzzahlen und globale Handelswege, die für den Kunden kaum nachvollziehbar sind – aber einer strengen finanziellen Logik folgen. Der weltweite Appetit auf Fleisch ist groß. Allein in Deutschland werden davon knapp 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehrt, in den USA sind es noch einmal 30 Kilogramm mehr.

Hinzu kommen bevölkerungsstarke Länder wie China, Russland und Indien, die sich infolge ihres Wirtschaftsbooms zunehmend zu Konsumenten von Wurst und Steaks sowie hierzulande bedeutungslosen Schweineohren und Ochsenzungen entwickeln.

Info

Die Fleischkette

Tierhaltung Mehr als 300.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland halten Tiere Transport Die Schlachttiere werden nach Aussage der Fleischindustrie so schonend wie möglich zu den Schlachthöfen gebracht

Schlachtung In Schlacht- und Zerlegebetrieben werden die Tiere getötet und zerlegt. Nach Aussage der Fleischindustrie hat die schmerzfreie Schlachtung höchste Priorität

Verkauf Über Großfleischbetrieben gelangt das Fleisch dann in der Regel in den Verkauf

Insgesamt besteht also ein immenser Bedarf, der nicht durch traditionelle Bauernhöfe und Schlachtereien, sondern eine hocheffiziente Fleischindustrie gedeckt wird. Dort werden weltweit allein 58 Millionen Tonnen Rindfleisch pro Jahr hergestellt, das meiste davon in den USA. Doch auch Deutschland – traditionell eher als Standort der Auto- und Chemieindustrie gehandelt – spielt im Orchester der großen Fleischproduzenten eine wichtige Rolle: Zwischen Flensburg und Konstanz leben über 13 Millionen Rinder, was EU-weit den zweiten Platz unter den Viehzüchternationen bedeutet, und 26 Millionen Schweine, womit man in der EU ungefährdet an der Spitze liegt. Die jährliche Fleischproduktion liegt bei acht Millionen Tonnen.

Mit solchen Mengen könnte man eigentlich die Bundesbürger gut versorgen. Doch jährlich gehen Fleischwaren im Wert von knapp drei Milliarden Euro ins Ausland, wobei knapp die Hälfte vom Schwein und 22 Prozent vom Rind stammen. "Die Exportorientierung der Branche nimmt stetig zu", erklärt Agrar-Ökonom Achim Spiller von der Universität Göttingen.

Der Grund: Fleisch "made in Germany" hat einen guten Ruf, mit dem sich viel Geld verdienen lässt. Außerdem fließen dabei – laut Recherchen der Umweltorganisation BUND – noch staatliche Zuwendungen. Die zehn größten deutschen Schlachtfirmen erhalten demnach insgesamt 20 Millionen Euro pro Jahr, das meiste davon in Form von Exportsubventionen.

Das sind keine schlechten Zusatzeinahmen für ein ohnehin schon rentables Geschäft. Noch schwerer nachzuvollziehen ist aber, dass mit dem Export offenbar benötigte Ware vom einheimischen Markt abgezogen wird. Denn laut Statistischem Bundesamt werden jährlich fast 2,5 Millionen Tonnen Fleisch importiert, die man eigentlich durch einheimische Produktion hätte decken können. Elf Prozent davon sind Rindfleisch, vier Fünftel davon stammen aus der EU. Das legendäre Steak aus Argentinien ist also hierzulande eher die Ausnahme, der Rindfleischimport wird vielmehr durch voll beladene Lastwagen aus Polen und Frankreich dominiert.

Bleibt die Frage, wie der Verbraucher erfahren kann, woher sein Rindfleisch stammt. Die Antwort: Seit dem 1. Januar 2002 regelt als Folge der BSE-Krise ein Kennzeichnungsgesetz der EU, dass man auf den Produktetiketten die Herkunft über den Schlachthof bis zurück zu Stall und Tier verfolgen kann. Sie müssen auf den Verpackungen der Erzeugnisse angebracht sein, bei unverpackter Ware sind entsprechende, deutlich sichtbare Tafeln in unmittelbarer Nähe des Verkaufsortes vorgeschrieben. "Für Wurst gibt es jedoch noch keine Kennzeichnungspflicht, die über die Herkunft ihres Fleischs Auskunft gibt", bemängeln die Verbraucherschützer von Foodwatch.

Außerdem können Gesetze auch ignoriert und übertreten werden. In Augsburg wurde erst im August vergangenen Jahres der Urheber des sogenannten "Gammeldöner-Skandals" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Lebensmittelfabrikant hatte – obwohl wegen ähnlicher Vergehen bereits ein Gewerbeverbot für ihn bestand – 130 Tonnen überlagertes Fleisch in den Handel gebracht. Aufgedeckt hatte den Skandal ein Lastwagenfahrer. Er hatte den Unternehmer dabei beobachtet, wie er einfach die Etiketten seiner Ware austauschte.

Quelle: RP/chk/top


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