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Düsseldorf
Schneller als das Christkind

Düsseldorf. Kurz vor dem Start des Weihnachtsgeschäfts kündigt Amazon die Lieferung innerhalb weniger Stunden an. Längst experimentieren auch Konkurrenten wie Zalando mit der tagesaktuellen Zustellung. Die Folgen sind gravierend. Von Florian Rinke

Bislang gab es für den stationären Handel eine Gewissheit: Wer auf den letzten Drücker Geschenke braucht, muss in die Stadt fahren. Seit gestern ist klar: Diese Gewissheit gilt nicht mehr. Pünktlich zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts hat der Online-Händler Amazon angekündigt, in Ballungszentren wie Düsseldorf und dem Ruhrgebiet Waren innerhalb von einem Tag auszuliefern.

Die Ankündigung ist eine Kampfansage. "Wenn der Nachteil der Lieferzeit wegfällt, kann Online-Shopping seine Stärken in Form von größerer Auswahl und oft niedrigeren Preisen perfekt ausspielen", heißt es in einer McKinsey-Studie. "Wir gehen davon aus, dass sich bis 2020 ein erheblicher Teil der Paketlieferungen von Lieferungen am darauffolgenden Tag zu taggleichen Lieferungen verschieben wird", sagt Jan Krause, Logistik-Experte bei der Unternehmensberatung. Allein in Westeuropa könnten dann etwa 15 Prozent des Umsatzes mit Standardpaketen auf tagesaktuelle Lieferungen entfallen. Denn die Möglichkeit einer tagesaktuellen Lieferung dürfte künftig von Kunden immer häufiger erwartet werden.

Mit permanent wachsenden Serviceangeboten haben Unternehmen sie inzwischen dazu erzogen, immer fordernder zu werden. Kostenloser Versand, Lieferung am selben Tag - das alles gehört inzwischen für viele Online-Shopper zum Standard. Als Amazon-Gründer Jeff Bezos 1994 plante, das kundenorientierteste Unternehmen der Welt aufzubauen, hat er damit die Büchse der Pandora geöffnet.

Denn die Gewohnheiten der Kunden verändern sich - und die Händler müssen reagieren, wenn sie im Kampf um Marktanteile gegen finanzkräftige Online-Händler wie Amazon oder Zalando nicht verlieren wollen. Auch der rasant wachsende Mode-Händler (siehe Box), bei der Fokussierung auf Kundenwünsche ähnlich radikal wie Amazon, experimentiert seit September mit der Zustellung am selben Tag in Köln und Berlin. Aktuell gibt es die tagesaktuelle Lieferung hier noch als Gratis-Service, langfristig könnte das Unternehmen aber einen Aufpreis verlangen. Denn die Logistik für solche superschnellen Sendungen ist aufwendig - und teuer.

Daher berechnet selbst Amazon Kunden einen Aufpreis. Eine zusätzliche Einnahmequelle ist der Service aber nur, wenn der Besteller kein Prime-Kunde ist. Wer Amazons Premiumangebot für 49 Euro im Jahr nutzt, bekommt Bestellungen ab 20 Euro kostenlos am selben Tag zugestellt. Für Amazon dürfte das ein Zuschussgeschäft sein, doch beim Ziel, das Einkaufsverhalten der Kunden zu ändern und allen alles zu verkaufen, sind solche kurzfristigen Probleme eingepreist.

Schon jetzt sieht man erste Auswirkungen der Kunden-Verwöhnkur: Die Ansprüche steigen. Eine Studie des E-Commerce-Verbands BEVH zeigte zuletzt, dass der Anteil der Kunden, die mit der Lieferzeit unzufrieden sind, leicht steigt (siehe Grafik). Die Kölner Handelsforschung ECC fand außerdem heraus, dass Kunden immer mehr Mitspracherechte beim Versandprozess fordern. Sie wollen bestimmen, wann und wohin das Paket geliefert wird, die Sendung nachverfolgen und sie immer häufiger sogar kurzfristig noch umleiten können.

Verlierer dieser Entwicklung sind die Paketboten am Ende der Lieferkette. Sie müssen schon jetzt kiloschwere Pakete die Treppenhäuser hinaufwuchten. Künftig dürfte von ihnen noch mehr Effizienz und Flexibilität gefordert werden - wohl ohne Gehaltserhöhung. Die Gewerkschaft Verdi kann die Folgen im Detail noch nicht abschätzen. In einem anderen Punkt ist man sich hingegen sicher: Auf die pünktliche Lieferung der Last-Minute-Bestellung am Heiligabend sollten sich Kunden lieber nicht verlassen. Denn in der Vorweihnachtszeit soll bei Amazon wieder gestreikt werden. Und dann, so eine Verdi-Sprecherin: "wären tagesaktuelle Lieferungen als erstes betroffen".

Quelle: RP
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