Konjunkturaussichten 2012: Sicher ist nur die Ungewissheit
zuletzt aktualisiert: 27.12.2011 - 17:18Düsseldorf (RPO). Die meisten Wirtschaftsexperten tun sich beim Blick auf das kommende Jahr schwer mit Prognosen. Zu viel steht in den kommenden Monaten auf Messers Schneide. Doch die Wirtschaftsdaten sind erstaunlich robust. Eine Rezession gilt als unwahrscheinlich. Die Bundesregierung übt sich in Optimismus. Ein Plan B kursiert angeblich trotzdem.
Wohl selten ist es wohl so schwierig gewesen, eine verlässliche Prognose zur Wirtschaftsentwicklung abzugeben wie Ende 2011. Zwei kräftige Faktoren stehen gegeneinander. Da ist zum einen die bärenstarke Bilanz der deutschen Unternehmen. Mag auch Europa in die konjunkturelle Senke driften, den Deutschen machte das bislang nicht viel aus. Der Binnenmarkt floriert, die wichtigsten Wachstumsmärkte für den Export sind besetzt, die Auftragsbücher sind voll.
Auf der anderen Seite dräut das Monster namens Eurokrise. Derzeit weiß niemand, ob die Rettungspakete greifen. IWF-Chefin Christine Lagarde warnte bereits mehrfach vor globalen Turbulenzen und scheute selbst den Vergleich mit der großer Rezession der 30er nicht. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer rechnet mit einem Schicksalsjahr. Das Überleben der europäischen Gemeinschaftswährung hängt seiner Einschätzung nach von Italien ab.
Der Abschwung wird kommen
Sicher ist für 2012 somit nur die Unsicherheit. Die Krise bleibt, der Rest hängt von Glück und Geschick der Akteure aus Wirtschaft und Politik ab. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins Focus wird die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2012 nach unten korrigieren.
Dass es 2012 zu einem Abschwung kommen wird, gilt bereits als sicher. Wie schwer die deutsche Konjunktur jedoch am Ende vom konjunkturellen Tief erfasst wird, muss vorerst offen bleiben. Branchenverbände, Bundesregierung und Wirtschaftsexperten sind sich trotz aller europäischen Unkenrufe einig: Die Rezession bleibt Deutschland trotz Schuldenkrise und weltweiter Konjunkturflaute erspart, solange die Schuldenkrise nicht außer Kontrolle gerät.
Starke Verunsicherung
26 von 46 Wirtschaftszweigen peilen 2012 sogar Umsatzzuwächse an, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervorgeht. Neun Branchen rechnen mit stabilen Umsätzen, die restlichen elf mit einem Rückgang.
"Das Abflauen der Weltkonjunktur und die Ungewissheit bezüglich der Folgen der Schuldenkrise gehen auch an der deutschen Wirtschaft nicht spurlos vorüber", räumte IW-Direktor Michael Hüther ein, fügte aber hinzu: "Dennoch präsentieren sich viele Branchen in guter Verfassung und erwarten ein positives Jahr 2012." Viele Firmen seien aber stark verunsichert wegen der Debatte um die Zukunft des Euro. Die Perspektiven könnten sich daher eintrüben.
Sachverständiger korrigiert sich
Die meisten Unternehmen wollen der IW-Umfrage zufolge auch 2012 wieder investieren, nur eine Minderheit Jobs streichen. 29 Branchenverbände erwarten ein gleichbleibendes Investitionsvolumen ihrer Mitgliedsfirmen. 31 Branchen gehen von stabilen Mitarbeiterzahlen aus, nur acht fürchten einen Stellenabbau. Das Ifo-Geschäftsklima - der zuverlässigste Indikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft - hatte zuletzt zweimal in Folge leicht zugelegt.
Auch der Einzelhandel meldete gute Geschäfte, was steigenden Konsum signalisiert. Wie so oft sind gut gefüllten Auftragsbücher Quell der guten Laune.
Das Bruttoinlandsprodukt wird 2012 mit 0,5 Prozent nur etwa halb so stark wachsen wie vom Sachverständigenrat noch im November vorhergesagt, räumte dessen Chef Wolfgang Franz ein.
"Bestens gerüstet"
"Aber eine Rezession befürchte ich nicht - erst recht nicht eine so starke wie 2009, als das Bruttoinlandsprodukt um rund fünf Prozent absackte", sagte Franz dem "Handelsblatt". Die Zahl der Beschäftigten sei hoch wie nie, die Kapazitäten der Industrie überdurchschnittlich ausgelastet, die Unternehmen gesund und zuversichtlich. "Deutschland geht es gut, noch jedenfalls", sagte Franz.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Wirtschaftsminister Philipp Rösler. "Unsere Wirtschaft zeigt sich ausgesprochen robust, auch wenn das wirtschaftliche Umfeld sowohl auf internationaler als auch auf europäischer Ebene schwieriger geworden ist", sagte der FDP-Chef demselben Blatt. Die Binnenkonjunktur stütze das Wachstum mehr und mehr. "Wir sind bestens gerüstet, um die zu erwartende wirtschaftliche Eintrübung im Winterhalbjahr zu bewältigen", sagte Rösler.
Scharke Kritik an Lagarde
Der Wirtschaftsweise Franz übte indes scharfe Kritik an IWF-Chefin Lagarde und ihren Warnungen. Es sei zwar richtig, auf Risiken hinzuweisen, sagte Franz. "Aber Rezessionen lassen sich auch herbeireden.“ Frau Lagarde wäre wirklich gut beraten, bei ihrer Wortwahl zurückhaltender zu sein. Wenn die öffentliche Debatte anhalte, fürchteten viele Unternehmen, "dass irgendwann eine Kette von Bremsmanövern in Gang gesetzt wird".
Investitionen würden zurückgestellt, die Personalpolitik würde vorsichtiger gestaltet - "und dann hätten wir möglicherweise eine Rezession", warnte Franz.
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