Wem gehört die Deutschland AG? (Teil 3): Siegeszug der Finanzinvestoren
VON MARK SCHRÖRS - zuletzt aktualisiert: 21.07.2005 - 08:53Düsseldorf (rpo). Das ausländische Kapital entdeckt den deutschen Mittelstand. Und hiesige Betriebe sehen immer mehr die Notwendigkeit, externe Geldgeber mit ins Boot zu holen. Neben Chancen lauern aber auch Risiken.
„Wollt ihr eine Abfindung?“ - Neiin!“. „Wollt ihr Arbeitslosengeld? - Neiiin!“. „Was wollt ihr dann?“ - „Ar-beits-plät-ze!“. Lautstark protestierten Mitte Juni im baden-württembergischen Lahr Mitarbeiter des Armaturenherstellers Grohe gegen den Abbau von bundesweit 1240 der rund 4500 Stellen. Schuld an dem massiven Jobabbau seien die Fonds Texas Pacific Group und CSFB, die seit 2004 das Sagen beim Traditionsunternehmen haben: Sie ließen die Mitarbeiter bluten - nur, um das selbst gesteckte, hohe Renditeziel zu erreichen.
Das Beispiel Grohe - seit Wochen sorgt es für Diskussionen. SPD-Chef Franz Müntefering nutzte es bei seiner „Heuschrecken“-Attacke. Weil gleichzeitig Schlagzeilen kursieren wie „Ausländische Investoren mit Appetit auf deutschen Mittelstand“, fragt sich so mancher: Steht die viel zitierte Stütze der deutschen Wirtschaft vor dem Ausverkauf? Jüngst hatte der schwedische Finanzinvestor Industri Kapital, der bereits Anteile etwa an Gardena, Pfaff und Poggenpohl hält, die Walter-Bau-Tochter DSI mit 1100 Mitarbeitern geschluckt - ist das nicht ein weiterer Beleg?
Eine eindeutige Antwort fällt schwer: Zunächst ist es nicht einfach, „den“ Mittelstand zu bestimmen. Umsatz, Mitarbeiterzahl, Rechtsform - es gibt verschiedene Kriterien. Und dann ist, anders als bei börsennotierten Großkonzernen, wenig transparent, welcher Investor oder Fonds denn nun in welchem Unternehmen engagiert ist.
Die Bundesbank weiß nur, dass Ende 2003 9314 Unternehmen in Deutschland mit mehr als drei Millionen Euro Bilanzssumme mit Auslandskapital arbeiteten; 8488 davon mit mehr als 50 Prozent. Das Bankhaus Sal. Oppenheim schätzt, dass allein 2004 deutsche Unternehmen im Gesamtwert von 25 Milliarden Euro an Ausländer gingen - je zur Hälfte an strategische und Finanzinvestoren. Wie viele Mittelständler hinter diesen Zahlen stecken? Niemand weiß es genau.
Tatsächlich gilt es wohl zu unterscheiden. Rund 95 Prozent der Mittelständler machten unter fünf Millionen Euro Jahresumsatz, so der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft: „Bei solchen Betriebsgrößen ist das Interesse internationaler Anleger meist gering.“ Hingegen nehme das Interesse ausländischer Investoren an größeren Mittelständlern zu. Was nicht verwunderlich sei: „Die Substanz - Personal, Maschinen, Immobilien - ist meist hervorragend.“ Viele gelten zudem in ihrem Segment als Marktführer als „Hidden Champions“.
Dass sich auch der deutsche Mittelstand öffnet, basiert nicht nur auf der Hoffnung auf neue Wachstumschancen. Zunehmende Nachfolge- und Finanzprobleme (Basel II) begünstigen den Sinneswandel. „Wir empfehlen unseren Mitgliedern, sich in Sachen Finanzierung breiter aufzustellen“, sagt Matthias Schoder von der Deutschen Industrie- und Handelskammer: „Dazu gehört, Kapitalgeber von außen zuzulassen, auch aus dem Ausland.“
In der Praxis gibt es positive und negative Erfahrungen. Als Vorzeige-Beispiel gilt vielfach Wincor Nixdorf: Unter Siemens noch eher ein vernachlässigtes Mauerblümchen, blühte es unter der Obhut der Fondsgesellschaft Kohlberg, Kravis Roberts & Co. (KKR) auf: 3000 neue Jobs wurden geschaffen, davon 1100 in Deutschland. Bei Tenovis hingegen, einem Hersteller von Telekommunikationsausrüstungen, baute KKR binnen fünf Jahren 2600 von 8000 Jobs ab - trotz 12,5-prozentigen Lohnverzichts der Beschäftigten. Für Claudio Wieland, Akquisitionsexperte bei Ernst & Young, stellt sich aber selbst dann die Frage nach den Alternativen: „Es bringt nichts, einfach ungesunde Strukturen aufrecht zu erhalten. Die sichersten Arbeitsplätze sind die in Unternehmen mit einer soliden, gesunden Ertragslage.“
Deutsche Mittelständler treten aber zunehmend auch selbst als Käufer auf: So übernahm die Carl Zeiss AG etwa zusammen mit dem schwedischen Finanzinvestor EQT den amerikanischen Brillenglas-Produzenten Sola International. „Diese Form der Kooperation zwischen strategischen Investoren und Private-Equity-Häusern wird es in Zukunft häufiger geben“, heißt es bei Ernst & Young, „weil sie für beide Seiten von Vorteil ist.“
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