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München
Siemens: Ärger um Aufsichtsrätin Leibinger

München. Die Wiederwahl der Trumpf-Chefin bis 2021 stößt auf Kritik bei Fondsmanagern. Vier Mandate seien zuviel, heißt es. Die Diskussion trübt die guten Zahlen, die Konzernchef Joe Kaeser bei der Hauptversammlung präsentiert. Der Aktienkurs steigt deutlich.

Als Berthold Leibinger Anfang des Jahrtausends nicht nur Eigentümer, sondern auch Vorstandschef des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf war, trat er gleichzeitig als Aufsichtsrat bei BASF, BMW, der Deutschen Bank und der damaligen Deutschen Bundespost Telekom in Erscheinung. Mit einer möglichen Überlastung des Multi-Kontrolleurs beschäftigte sich niemand. Eineinhalb Jahrzehnte später ist das anders. Deshalb ist Leibingers Tochter Nicola Leibinger-Kammüller, die ihren Vater 2005 an der Trumpf-Spitze beerbte, bei Fondsmanagern in die Kritik geraten. Die vertreten Siemens-Aktionäre und kritisieren die erneute Wahl von Leibinger-Kammüller in den Siemens-Aufsichtsrat.

Nichtsdestotrotz hat die Hauptversammlung die 56-jährige Managerin ebenso wie den früheren SAP-Manager Jim Hagemann Snabe und Ex-Bayer-Chef Werner Wenning vorzeitig für fünf weitere Jahre bestellt. "Damit soll im Hinblick auf die nachhaltige und erfolgreiche Umsetzung der Unternehmensstrategie Vision 2020 Kontinuität über die turnusmäßig anstehende Neuwahl der Aufsichtsratsmitglieder der Aktionäre im Januar 2018 hinaus sichergestellt werden", teilte Siemens mit.

Der Unmut unter einigen Aktionärsvertretern ist damit wohl nicht beseitigt. Denen ist die Mandatshäufung bei der Trumpf-Chefin ein Dorn im Auge. Und deshalb hatte Fondsmanager Ingo Speich (Union Investment) angekündigt, Leibinger-Kammüller nicht vorzeitig bis 2021 ins Kontrollgremium entsenden zu wollen. "Für Frau Leibinger-Kammüller, die als Vorsitzende der Geschäftsführung der Trumpf-Gruppe bereits einen verantwortungsvollen Vollzeitjob innehat, sind vier zusätzliche Aufsichtsratsmandate unserer Meinung nach zu viel", sagte Speich. Auch seinem Kollegen Marcus Poppe (Deutsche Asset Management) sind die Nebenjobs der Familienunternehmerin (außer bei Siemens sitzt sie im Aufsichtsrat der Lufthansa, bei Axel Springer und bei der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung) zu zahlreich. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hatte zwar ihre Zustimmung zur Wahl Leibinger-Kammüllers angekündigt, aber gleichzeitig die Trumpf-Chefin aufgefordert, die Zahl ihrer Mandate zu reduzieren. "Ich glaube, Sie sind zur Zeit überlastet", sagte Bergdolt.

Leibinger-Kammülle ist nicht die einzige, über deren Ämterhäufung aktuell debattiert wird. Beim Industriekonzern Linde läuft eine Diskussion über die Rückkehr von Wolfgang Reitzle, der zwei Jahre nach seinem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender offenbar Ambitionen auf den Posten des Chef-Kontrolleurs hat. Aber auch er sitzt zusätzlich noch bei Springer und beim Autozulieferer Continental im Aufsichtsrat. Damit könne ihm "eine kritikwürdige Amtsfülle nachgesagt werden", formulierte jüngst die "FAZ".

Die Diskussion trübt ein wenig die guten Nachrichten, mit denen Siemens gestern überraschte. Auftragseingang, Umsatz und Gewinn sind im ersten Quartal kräftig gestiegen. Vorstandschef Joe Kaeser hob die Gewinnprognose für das Geschäftsjahr auf mindestens 5,3 Milliarden Euro an. Die Börsenreaktion: Der Kurs stieg um fast acht Prozent. "Wir sind sehr gut ins Geschäftsjahr gestartet", sagte Kaeser. Und dank voller Auftragsbücher werde es trotz sich eintrübender Weltwirtschaft "ein vergleichsweise gutes Jahr für Siemens" werden. Der Konzernumbau sei weitgehend abgeschlossen, das Projekt- und Risikomanagement sei besser geworden, die Sonderbelastungen seien gesunken, das Industriegeschäft laufe sehr profitabel.

Das hochprofitable Geschäft mit der Digitalisierung von Fabriken entwickle sich dank starker Nachfrage aus Europa hervorragend und werde sich ab April beleben. In diesem Geschäftsfeld verstärkt sich Siemens für 970 Millionen Dollar mit der New Yorker Software-Firma CD-adapco. Mit deren Programmen könnten zum Beispiel Auto- oder Flugzeugbauer Strömungen entlang der Karosserie oder der Tragfläche simulieren und die Entwicklungszeit um ein Drittel verkürzen. Mit dem Kauf baue Siemens seine Führung in der industriellen Digitalisierung aus. Einer der Wachstumsträger 2016 werde die Zugsparte sein. "Sie steht heute blendend da", sagte Kaeser und verwies auf Aufträge der Berliner S-Bahn, der algerischen Bahn und den in Aussicht stehenden Großauftrag der iranischen Bahn.

Im ersten Quartal stieg der Konzerngewinn um 42 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Der Auftragseingang wuchs um ein Viertel auf 22,8 Milliarden, der Umsatz um acht Prozent auf 18,9 Milliarden Euro.

(gw/dpa)
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