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Düseldorf
Siemens kauft US-Halbleiter-Spezialisten

Siemens kauft US-Halbleiter-Spezialisten Mentor Graphics
FOTO: ap, MS
Düseldorf. Zehn Jahre nach der Schmiergeld-Affäre stellt Joe Kaeser den Konzern neu auf - und hofft auf die Digitalisierung.

Es ist exakt zehn Jahre her, da durchsuchten Ermittler in einer konzertierten Aktion die Räume von Deutschlands wichtigstem Technikkonzern. Mehr als 200 Polizeibeamte, Steuerfahnder und Staatsanwälte durchkämmten stundenlang mehr als 30 Bürohäuser an allen großen Siemens-Standorten und Privatwohnungen von teilweise hochrangigen Mitarbeitern.

Die Razzia markierte den Startschuss für den später als Schmiergeld-Affäre bekannt gewordenen Fall. Über Jahre hatten Manager insgesamt 1,3 Milliarden Euro Bestechungsgelder in dunkle Kanäle gelenkt, um mit Bestechung an lukrative Aufträge zu gelangen. Die Affäre kostete Siemens nicht nur enorm viel Geld und Reputation, sondern Aufsichtsratschef und Ex-Vorstandschef Heinrich von Pierer sowie den damals amtierenden Konzernchef Klaus Kleinfeld auch den Job.

Es dauerte Jahre, bis der Konzern wieder Tritt fasste. Erst unter dem amtierenden Konzernchef Joe Kaeser scheint die Kehrtwende vollständig vollzogen zu sein. Pünktlich zum Zehnjährigen der Affäre präsentierte der Siemens-Chef einen großen Coup: Für 4,5 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 4,2 Milliarden Euro) übernehmen die Münchener den US-Software-Spezialisten Mentor Graphics. Das Unternehmen mit Sitz im US-Bundesstaat Oregon ist spezialisiert auf Programme für die Konstruktion von Halbleitern.

Siemens zahlt den Anteilseignern 37,25 Dollar je Aktie. "Wir stärken mit der Übernahme unseren Geschäftsbereich Digitale Fabrik in Richtung Industrie 4.0", sagte Finanzchef Ralf Thomas während einer Telefonkonferenz. Erst vor einer Woche hatte Kaeser angekündigt, die traditionsreiche Medizintechniksparte seines Hauses an die Börse zu bringen.

Kaeser baut seit einiger Zeit das Geschäft mit Industriesoftware massiv aus. In den vergangenen Jahren erwarb Siemens für insgesamt rund sechs Milliarden Dollar gut ein Dutzend Firmen, die auf Industrie- und Produktionssoftware spezialisiert sind, darunter die US-Unternehmen UGS und CD-adapco. Erst am vergangenen Donnerstag hatte Kaeser angekündigt, sich an der Simulationsfirma Bentley zu beteiligen. Er will Siemens als einen der führenden Ausrüster für "Industrie 4.0", die Digitalisierung der Industrie, positionieren. Mit dem Kauf von Mentor gibt Siemens nun fast so viel für den Aufbau des Industriesoftwaregeschäfts aus wie seinerzeit in den Einstieg in die Labordiagnostik. Der kostete annähernd elf Milliarden Euro - erwies sich langfristig aber eher als Enttäuschung.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2015/16 setzte Siemens mit Software und digitalen Diensten rund 4,3 Milliarden Euro um. Die Gesamteinnahmen der Münchner beliefen sich auf knapp 80 Milliarden Euro. In Kaesers Entwicklungsplan bis 2020 spielt das Digitalisierungsgeschäft aber eine entscheidende Rolle. Der Markt dafür soll jährlich durchschnittlich acht Prozent wachsen, deutlich stärker als die Märkte für herkömmliche Automatisierungstechnik und Elektrifizierung sowie die zugehörigen Dienstleistungen. Von traditionellen Geschäftsfeldern wie der Telekommunikation, der Lichttechnik bei Osram oder elektronischen Bauteilen hat sich Siemens über die Jahre bereits verabschiedet.

Der Kauf von Mentor erscheint Experten allerdings in dem Zusammenhang etwas ungewöhnlich. Die in Wilsonville ansässige Firma stellt vorwiegend Software her, die Hälfte der Einnahmen stammt aus diesem Bereich. Aus der sehr speziellen Welt der Mikrochips war Siemens vor eineinhalb Jahrzehnten mit der Trennung von Infineon ausgestiegen und hatte sich von der Halbleiterbranche und ihren Schwankungen seither ferngehalten. Zu Mentors Kunden zählen just Infineon und andere klassische Chiphersteller, aber auch große Automobilbauer und -zulieferer.

Mentor kam mit 5700 Mitarbeitern zuletzt auf einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Dollar und eine bereinigte Marge von 20,2 Prozent. Der Konzern kündigte an, in drei Jahren werde Mentor zum Gewinn beitragen. In vier Jahren ließen sich Synergien auf der Ebene des Betriebsgewinns von 100 Millionen Euro erzielen.

(maxi/rtr)
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